Marko Mijatovic & Dominique Peck

20.07.2020

Was soll das Urban Design im Zeitalter der Unsicherheit tun?

"Eines ist klar: Das Leben mit Corona ist für alle schwierig und verunsichernd. Belastend ist die Situation besonders deshalb, weil wir zurzeit nicht wissen, wie lange unser Alltag noch auf dem Kopf stehen wird: Bis wann werden die Schutzmaßnahmen noch andauern? Wie lange müssen wir das Provisorium aufrecht halten? Und wann wird endlich alles wieder „wie vorher“?

Auch wenn sich Expert*innen auf der ganzen Welt gerade mit diesen Fragen beschäftigen, kennen wir die Antworten darauf – zumindest vorläufig – noch nicht (https://www.corona-und-du.info)."

Das Seminar Das Wissen der Gestaltung - die Gestaltung des Wissens hebt mit den Mitteln des Essayfilms Aspekte der Wissensproduktion im Umgang Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Corona Krise. Als minimale Versuchsanordnung, dem Ausgangspunkt der studentischen Arbeiten, setzen wir dabei die eigenen Arbeitsverhältnisse der Teilnehmer*innen des Seminars.

Das Seminar macht Gebrauch von der offenen Form des Architekturstudios. Die Praxis des Entwerfens baut gerade darauf Unbestimmtheiten mittels Modellen, Skizzen, Referenzen, Geschichten, notationalen Strukturen sprich einer Vielzahl von Praktiken des Explorierens einer zu realisierenden Zukunft in Form zu bringen. Gleichzeitig mit der Erarbeitung theoretisch-konzeptioneller Grundlagen des Entwerfens in punkto Operativität der Wissensproduktion führt der Dokumentarfilmer Marko Mijatovic in die Skills, Wahrnehmungen, Theorien und Methoden des Essayfilms ein. Wir arbeiten in dem Seminar, dank der Unterstützung der Hamburg Open Online University, auf einer eigens dafür entwickelten Online Plattform.

Das Seminar montiert kleine Perspektiven des Alltags und befragt Orte, Akteure und Handlungen auf ihre Realitäten, Fiktionen und Virtualitäten im Urbanen. Es richtet sich an Studierende aller Studienrichtungen, die bereits erfahren im Umgang mit Medienproduktion sind und Interesse an der Vertiefung von theoretisch-konzeptionellen Grundlagen und der Erprobung von diagrammatischen Verfahrensweisen des Entwerfens mitbringen. Wir gehen davon aus, dass der konstruktive Umgang mit Unsicherheiten eine der zentralen Kompetenzen der Zukunft darstellt. Die Prüfungsleistung umfasst einen 5-minütigen Essayfilm. Die Ergebnisse und Zwischenproduktionen des Seminars werden laufend auf der Online Plattform veröffentlicht.

  • Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU Klinikums​ München in Partnerschaft mit der Beisheim Stiftung. 2021. „Willkommen“. Corona und Du. Infoportal zur psychischen Gesundheit für Kinder und Jugendliche. https://www.corona-und-du.info.

[Q] STUDIES

12.10.2020

[Q] STUDIES – Eine komplexe Welt erfordert komplexe Fähigkeiten.

Auszug aus der Programmbeschreibung der [Q] STUDIES.

Die [Q] STUDIES sind ein wichtiger didaktischer Baustein im Ausbildungskonzept der HCU und obligatorischer Bestandteil aller angebotenen Studiengänge. Über alle Studienstufen hinweg vermitteln und reflektieren die [Q] STUDIES unterschiedliche Formen des Denkens, des handlungsorientierten Wissens und der Wahrnehmung. Sie bieten einen Ort und transdisziplinären Möglichkeitsraum, an dem die verschiedenen Studiengänge der HCU zusammenkommen und sich austauschen. Sie ermöglichen damit integrierende Erfahrungen, an die sowohl in der Lehre als auch in der Forschung angeknüpft wird.

In den [Q] STUDIES sollen die Offenheit gegenüber anderen Denk- und Sichtweisen, die Hinterfragung traditioneller Denkmuster und die Fähigkeit zur Entwicklung innovativer Problemlösungsansätze gefördert werden. Technische, wissenschaftliche und künstlerische Forschungsmethoden und Darstellungsformen werden miteinander konfrontiert und systematisch verglichen. Dabei wird davon ausgegangen, dass unterschiedliche Perspektiven auch je unterschiedliche Erkenntnisse ermöglichen, die sich wechselseitig inspirieren und unkonventionelle Denk- und Herangehensweisen hervorbringen.

In Lehre und Forschung stellen sich die [Q]STUDIES die Aufgabe, unterschiedliche Perspektiven miteinander in Beziehung zu setzen und den Studierenden auf dieser Basis Anregungen für reflexive, kreative und kommunikative Prozesse zu geben. Es geht um ein „In-Beziehung-Setzen“ bisher getrennter Bereiche, das vor allem darin besteht, die Dinge in ihrer Relation zueinander zu sehen und ihre vielfältigen Verbindungen aufzuspüren. Dieses „In-Beziehungen-Denken“ meint sehr unterschiedliche Arten von Beziehungen: z.B. funktionale und emotionale, logische, ästhetische oder künstlerische. In einem solchen kreativ-produktiven Prozess werden unterschiedliche Denk- und Herangehensweisen miteinander verbunden; so werden etwa formal-logische, strukturierte und evaluierende Methoden in Beziehung zu assoziativen, unsystematischen und offenen Herangehensweisen gesetzt.

In dem Maße, wie sich berufliche Tätigkeitsfelder verändern, zählt nicht nur eine hohe fachliche Qualifikation, sondern genauso die Fähigkeit, sich neue Wege zu erschließen und mit dem „Unbekannten“ kreativ umzugehen. Es gilt also, sich auf Situationen einzustellen, die komplex oder nicht vorhersehbar sind, und Methoden für den Umgang mit anderen Fachkulturen, Wissensbeständen und „Nichtwissen“ zu entwickeln.

Auf Kompetenzen, die eine kreative und innovative Herangehensweise und Problemlösung ermöglichen, wird in den [Q]STUDIES großer Wert gelegt. Dabei werden einerseits experimentell-praktische Gestaltungskompetenzen gefördert, andererseits stellt der Perspektivenwechsel eine zentrale Technik dar, um Wahrnehmung und Kreativität zu schulen. Durch unterschiedliche Perspektivenwechsel in thematischer oder methodischer Hinsicht sollen die Studierenden lernen, die durch ihre Fachdisziplin eingeübte Denkweise zu reflektieren, kritisch zu hinterfragen und neue Denkansätze und Zugänge auszuprobieren. Sich “am Fremden abzuarbeiten” – sei dies in thematischer, methodischer oder kultureller Hinsicht – soll zugleich flexibles Denken und Verständnis für “das Andere” fördern wie auch eine Erweiterung des intellektuellen Repertoires im Hinblick auf alternative Zugänge und Problemlösungen begünstigen.

Durch eine vielfältige Schulung der Wahrnehmungskompetenzen und des Darstellungsvermögens sollen visuelle, auditive oder andere sinnliche Wahrnehmungsweisen und die sinnliche Urteilskraft geschärft werden. Dabei gehen die [Q]STUDIES von der Prämisse aus, dass Wissen nicht ausschließlich kognitiv ist, sondern auf Erfahrungswissen beruht und eine verkörperlichte Dimension hat (embodied knowledge). Diesem Aspekt wird in den [Q]STUDIES besondere Bedeutung zugemessen.

Weitere Information zu dem Programm finden Sie hier.

Gözde Sarlak

20.07.2020

The urban unknown - Planning in times of uncertainty

Klimawandel, Bevölkerungswachstum und dynamisierte Urbanisierungsprozesse, politische und wirtschaftliche Instabilitäten, soziale Umwälzungen oder der Ausbruch von Krankheiten kennzeichnen die Zeit, in der wir leben. Wenngleich das Ausmaß und ihre Folgewirkungen der Krisen ungeahnte Dimensionen erreicht haben, so ist die "Krise" an sich nichts neues. Neu ist der Verlust sicher geglaubter Gewissheiten in einer zunehmend komplex verwobenen Welt. Menschen fühlen sich überfordert, die sozialen und räumlichen Transformationen verstärken die Ängste der Stadtbewohner_innen, was zu immer neuen Konflikten und Spannungen führt. Sich in der Welt einzurichten wie sie ist, eröffnet auf der anderen Seite neue Verbindungen menschlicher und nicht-menschlicher Akteure, die alternative urbane Erzählungen und Praktiken hervorbringen könnten. Gerade die Vorstellungen und Imaginationen von Zukunft bilden ein "unerschöpfliches Reservoir der Unsicherheit" (Nowotny 2016). Sie sind aber auch ein Anreiz dafür, die gegenwärtigen Bedingungen zu erforschen, aus vergangenen Erfahrungen zu lernen und neues Wissen zu produzieren. So kann Unsicherheit eine Linse sein, um konstitutive, komplexe und wirkmächtige Prozesse zu beleuchten. Ungewissheit ist eine Perspektive zur Analyse wirtschaftlicher, politischer und sozio-kultureller gesellschaftlicher Entwicklungen und kann gleichermaßen eine produktive Kraft in der Neugestaltung städtische Lebensbedingungen sein.
Obwohl der Begriff der Ungewissheit die Geschichte der Urbanisierung von Anbeginn begleitet, hat er mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie eine neue Dringlichkeit erhalten. Die Pandemie und ihre Folgen verschärfen wirtschaftliche Krisen, vertiefen sozial-räumliche Ungleichheiten etwa im Zusammenhang mit dem Zugang zu Wohnraum, sozialer Infrastruktur, Pflege und Arbeit, schränken Mobilitäten ein und fordern dazu heraus, die Vitalität des öffentlichen Lebens neu zu denken und zu gestalten. In Zeiten der Pandemie werden die Städte zu Epizentren der sich ausbreitenden Krisen, wachsende Ungewissheiten durchziehen das tägliche Leben ihrer Bewohner_innen auf allen Ebenen. An diesem Punkt sind Stadtplaner_innen und Urban Designer_innen mit der Frage konfrontiert, wie sie mit einem konstruktiven Umgang mit Ungewissheit „Städte als Orte der Möglichkeiten“ (Simone 2016) gestalten können.

Dementsprechend sollen folgende Fragen im Rahmen des UD-Jahresthemas behandelt werden:

  • Welchen Arten von Ungewissheiten begegnen Stadtbewohner_innen und welche Praktiken üben sie aus, um ihren Alltag unter diesen unsicheren Bedingungen gestalten zu können?
  • Wie verhandeln, bewältigen und bearbeiten verschiedene städtische Akteure Ungewissheiten?
  • Welche Ungewissheiten materialisieren sich in der Stadt und inwiefern nehmen sie während der COVID-19-Pandemie eine neue Dringlichkeit an?

Im Laufe des akademischen Jahres 2020/21 werden sich Studierende und Mitarbeiter_innen des Studiengangs Urban Design mit Fragen der Unsicherheit und ihrer Materialisierung in urbanen Kontexten beschäftigen. Wir werden uns mit theoretischen Konzepten, empirischen Daten und sozialen Erfahrungen auseinandersetzen, um alltägliche Situationen der Unsicherheit zu erkunden, zu analysieren und urbane Potentiale zu gestalten.

  • Nowotny, Helga. 2015. The Cunning of Uncertainty. 1. Aufl. Cambridge ; Malden, MA: Polity.
  • Simone, AbdouMaliq. 2016. „City of Potentialities: An Introduction“. Theory, Culture & Society 33 (7–8): 5–29. https://doi.org/10.1177/0263276416666915.

Dominique Peck

11.09.2020

Einige Aspekte zum Thema Wissen

Auf der Seite zum Jahresthema konnten wir bereits das Forschungsfeld einigermaßen abstecken. Nun bewegen wir uns weiter in Richtung Beginn der Untersuchungen im Seminar Das Wissen der Gestaltung – die Gestaltung des Wissens. Dabei beginnen wir mit einigen basalen Aspekten zum Thema Wissen und seiner Untersuchung. Was ist der Gegenstand unserer bevorstehenden Untersuchungen? Wie perspektivieren wir ihn?
Wir gehen zunächst auf den Begriff ein, klären seinen Ursprung, stecken ab was Wissenschaft macht und wie Wissenschaft selbst zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden kann, und warum es notwendig ist das zu tun. In Folge versammeln wir einige Positionen zu Wissen und seiner Produktion jenseits eines engen Verständnisses von Wissenschaft. Das Material öffnet zum Schluss mit wenigen Auszügen aus einem Forschungsprogramm in der Situation der wissensbasierten Polis. Das Material soll Ihnen als Seminarteilnehmer*innen ermöglichen eine vorläufige Position als auch einen ersten Zugang zum Gegenstand Ihrer Untersuchung theoretisch-konzeptionell zu stützen.

WISSEN
Aus Regenbogen, Arnim, und Uwe Meyer. 2013. Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg: Meiner, F.

Vom bloßen Meinen unterscheidet sich das Wissen durch die auf objektiv und subjektiv zureichenden Gründen beruhende Überzeugung vom tatsächlichen Bestehen von Gegenständen, Vorgängen oder Sachverhalten. Die Begründung des Wissens kann der Erfahrung, kritisch geprüften Berichten, Dokumenten, Zeugnissen, Denkmälern oder der Einsicht in das Wesen und die Zusammenhänge ideeller Gegenstände (Logik, Mathematik, Ethik) entnommen werden.
Etymologisch geht Wissen auf „sehen“, „erkennen“ und „finden“ zurück. Wissen bedeutet auch Kenntnis über verfügbare Orientierungsmuster im Rahmen alltäglicher Lebenszusammenhänge. Wissen und die Zusammenfassung aller Wissensinhalte (Wissenschaft) ist heute durch die im Laufe der Zeit immer stärker gewordene Ablösung vom persönlichen Leben (oder: Entvölkerung der Welt durch die Moderne) weitgehend verschieden von Weisheit. Man denke etwa an den Indianerhäuptling oder das Orakel von Delphi.
Im Vergleich dazu erforscht Wissenschaft im engeren Sinn einen umgrenzten Gegenstandsbereich systematisch nach ihm angemessenen Methoden, ordnet die Fülle so gewonnener Erkenntnisse, führt diese auf umfassende Grundsätze zurück und erklärt Erkenntnisse aus diesen Grundsätzen. Im 19. Jahrhundert erfuhr naturwissenschaftliches Denken insbesondere durch den Anteil, den es am Siegeszug der Technik hatte, eine ungeheure Steigerung was wiederum zu einer Aufsplitterung der Wissenschaften in eine kaum noch überschaubare Anzahl von Einzelwissenschaften und sektoraler Optimierung, deren jeder Selbstzweck sein sollte, führte. Im Gegensatz dazu: Im weitesten Sinne ist Wissenschaft der Inbegriff dessen, was man weiß, der durch Schrift und Lehre überlieferte Schatz an Wissen.

Die Wissenschaft selbst ist Gegenstand zum Beispiel der Wissenschaftsethik. Diese befasst sich mit sowohl mit dem Verhalten der_s einzelnen Wissenschaftler_innen, der gesellschaftspolitischen Wissenschaftssteuerung, als auch der Vorgänge auf der Suche nach wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch ihrer späteren Verwertung. Die Wissenschaftsethik hat sich in den letzten Jahren als systematische Reflexion auch über die nicht beabsichtigten Folgen wissenschaftlicher Praxis durchgesetzt. Wissenschaftsethik kommt besonders dort zum Zug wo sich die Wissenschaft nicht von der Anwendung trennen lässt – z.B. Medizin, aber auch Architektur und Urban Design.
Gegenstand der Wissenssoziologie sind die Zusammenhänge zwischen den Gesellschaftsformen und den verschiedenen Arten des Wissens. Die Wissenssoziologie befasst sich mit den Formen und Bedingungen der Produktion und Reproduktion von Wissen.

WISSENSKULTUREN
aus Brabec de Mori, Bernd, und Martin Winter. 2018. „Auditive Wissenskulturen: Wissen, Macht und die Welt der Klänge“. In Auditive Wissenskulturen. Das Wissen klanglicher Praxis, herausgegeben von Bernd Brabec de Mori und Martin Winter, 1–28. Wiesbaden, Germany: Springer VS.

Mit „Wissenskulturen“ hat Karin Knorr Cetina (2002, 2007) auf der Grundlage ethnografischer Untersuchungen in naturwissenschaftlichen Labors in der Wissenschaftssoziologie „diejenigen Praktiken, Mechanismen und Prinzipien, die, gebunden durch Verwandtschaft, Notwendigkeit und historische Koinzidenz, in einem Wissensgebiet bestimmen, wie wir wissen, was wir wissen“ beschrieben (Knorr Cetina 2002, S .11, kursiv im Original). Es sollen damit „Wissensstrategien und Prozesse [...], ebenso wie wissensbezogene Orientierungen und Praktiken“ (ibid.) erfasst werden. […] Knorr Cetina hinterfragt darüber hinaus erstens die Einheit der Wissenschaft und stellt heraus, dass Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, nicht nach einem rationalen Modell der Wissensakkumulation funktionieren, sondern dass eben unterschiedliche epistemische Kulturen innerhalb der Naturwissenschaften abgrenzbar sind. Wissenskulturen und Disziplinen sind demnach nicht deckungsgleich (Brabec de Mori und Winter 2018, 16).“

METHODE(N)
Aus Sturm, Gabriele. 2000. Wege zum Raum: Methodologische Annäherungen an ein Basiskonzept Raumbezogener Wissenschaften. Wiesbaden: Leske + Budrich Verlag.

Eben haben wir gelesen, dass Wissenschaft im engeren Sinn einen umgrenzten Gegenstandsbereich systematisch nach ihm angemessenen Methoden untersucht. Methoden sind Kennzeichen und Grundlage von Wissenschaft, und prägen als Konstituens die Gestalt der jeweiligen Disziplin [oder eben Wissenskultur] und die Identität ihrer Vertreter_innen (Sturm 2000, 19). Von der griechischen Bedeutungswurzel her können wir Methode als Verfahren des Nachgehens, oder des Weges zu etwas hin beschreiben. Das impliziert also Bewegung. Wenn wir forschen bewegen wir uns auf etwas hin. Wenn wir eine Methode praktizieren, sind wir bereits ein Stück weit unterwegs, sind nicht mehr am Ausgangspunkt – örtlich und zeitlich – unseres Interesses. Wir bewegen uns dabei aber nicht in einem stillstehenden etwas, sondern im Urbanen, in den Verhältnissen, wie sie nun einmal im Werden begriffen sind. Bei Gabriele Sturm (ibid. 23) finden wir diese Positionierung mit Verweis auf Heraklit aus Ephesos wieder: „Alles fließt und nichts bleibt.“ Für Sturm vermitteln die Methode(n) zwischen Empirie und Theorie in einer Welt im Werden. Das mag wie eine sehr basale Definition, dessen was eine Methode ist, klingen, tatsächlich bleiben Bewegungen unterschiedlichster disziplinärer Hintergründe hin zu einer solchen Definition meist bruchstückhaft, so dass wir uns hier damit zufriedengeben.
Mehr noch als nur das eigene Vorgehen als Forscher mittels Methoden zu gestalten, können wir auch dazu übergehen einen Forschungsgegenstand als soziale Praxis methodisch in den Blick zu nehmen. Nicht nur Wissenschaftler arbeiten methodisch. Dazu später etwas mehr.

THEORIE(N)
Aus Sturm, Gabriele. 2000. Wege zum Raum: Methodologische Annäherungen an ein Basiskonzept Raumbezogener Wissenschaften. Wiesbaden: Leske + Budrich Verlag. und
Dell, Christopher. 2018. „Ways of understanding, expressing, and practicing looking at the city“. In: Across Theory and Practice: Thinking Through Urban Research, hg. von Monika Grubbauer und Kate Shaw, 101–109. Berlin: Jovis.

Gabriele Sturm sieht Theorien als systematische Betrachtung und Darstellung oberster Ursachen, Zwecke und Prinzipien, die aus möglichst allgemeinen Grundsätzen zu bestehen haben, die widerspruchsfrei in Beziehung zu setzen sind und hierarchisch geordnete Folgesätze ermöglichen. Für sich konstituieren drei Dimensionen ein Theorieverständnis: die Syntax einer Theorie als formallogisches Ordnungsprinzip, die Semantik einer Theorie als ihr Aussagen-Gehalt und die Pragmatik einer Theorie als ihr Praxisbezug.
Christopher Dell leitet sein Verständnis von Theorie in Relation zum griechischen Wortstamm und der griechischen Polis her. „Durch die Perspektive der Theorie, lasen die Griechen die Polis als Bühne, auf der Menschen und Dinge ihren Logos – bei Heraklit Ordnungsprinzipien oder Wissen – ausdrücken konnten. Es handelt sich bei Theorie also um ein kontemplatives Ereignis oder eine Performance, an der die teilhatten, die weder Ruhm noch Profit suchten, sondern vor allem am Sehen oder Erkennen interessiert waren. Auch Christopher Dell (2018) blickt aus der Perspektive der Semiotik auf die Theorie und die Praxis des Theoretisierens: Der syntaktische Modus bezieht die Elemente einer Theorie aufeinander. Der semantische Modus bezieht die Theorie zu den Tatsachen und Verhältnissen der tatsächlichen Welt im Werden. Der pragmatische Modus ist der Gebrauch oder die Anwendung der Theorie. Es ist jedoch wichtig zu sagen, dass die Theorie nicht bei ihrer pragmatischen Anwendung aufhört. Dell (ebd.) weist ausdrücklich darauf hin, dass die Theorie im Modus ihrer Anwendung nicht ans Ende gekommen ist, sondern situiert ans Funktionieren kommt und zwar in Iterationen von Theorie, Urteil und Experiment. Christopher Dell bezieht nicht ohne Grund sein Theorieverständnis auf die Polis. Er adressiert damit eine Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik. Eine Beziehung, die niemals unproblematisch war, ist und es wohl auch nicht werden wird. Blicken wir in der Geschichte etwas zurück auf die Science Wars um diese problematische Beziehung und ihre für die Untersuchungen im Seminar Das Wissen der Gestaltung - die Gestaltung des Wissens relevanten Aspekte freizustellen.

SCIENCE WARS
Aus Sørensen, Estrid. 2012. „STS und Politik“. In Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung, herausgegeben von Stefan Beck, Jörg Niewöhner, und Estrid Sørensen, 197–226. Bielefeld: transcript Verlag.

In den 1980 Jahren drängen Sozial- und Kulturwissenschaftler darauf Naturwissenschaften als soziale Praxis zu erforschen. Es geht dabei um die Legitimität wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse und Frage wie Fakten und Tatsachen zu Stande kommen und was sie machen, wie objektiv wissenschaftliche Erkenntnisse sein können? Die „Sokal Affäre“ wird aus heutiger Perspektive als der absurde Höhepunkt der Science Wars in den 1990er betrachtet. Der Physiker Alan Sokal (1996) reichte für die Sonderausgabe Science Wars der Zeitschrift Social Text einen Beitrag ein „in dem er argumentierte, dass die Quantenphysik die von Sozialwissenschaftlern vorgetragene Kritik des wissenschaftlichen Objektivismus unterstützte.“ Der Beitrag wurde begutachtet und veröffentlicht. Einige Zeit danach erklärte Sokal in einer anderen Zeitschrift er habe lediglich ein Experiment mit den Vertretern der Cultural Studies gemacht: seine Thesen seien eine reine Persiflage und durch quantenphysikalische Theorien nicht gestützt. „Sein Ziel sei lediglich gewesen zu belegen, dass Sozial- und Kulturwissenschaftler keine Ahnung von Naturwissenschaften hätten und dass deren ‚In-Frage-stellen‘ von naturwissenschaftlichem Wissen nicht berechtigt sei (Sørensen 2012, 204).“ Zwar gewannen die Sozial- und Kulturwissenschaften mit dem Aufbruch in die Postmoderne eine teilweise Dekonstruktion naturwissenschaftlicher Praxis – soll heißen: von nun an war es anerkannt naturwissenschaftliche Praxis als soziale Praxis zu untersuchen – allerdings verloren sie auch jegliche Perspektive auf die Anerkennung sozial- und kulturwissenschaftlicher Erkenntnisse in den Naturwissenschaften durch sozial- und kulturwissenschaftliche Praxis (ebd.).

Science and Technology Studies – tatsächlich eine neue Perspektive auf die Wissenschaften?
Die zentrale Annahme der Science and Technology Studies führte dazu, dass einige ihrer Vertreter nach anderen Wegen der Überwindung der Trennung von Naturwissenschaften auf der einen Seite und Sozial- und Kulturwissenschaften und Politik auf der anderen Seite suchten. „Wissenschaft, wissenschaftliches Wissen und Technologien sind allgegenwärtig in den Alltagen westlich-moderner Gesellschaften. Sie leisten entscheidende Beiträge zu gesellschaftlichen Ordnungsprozessen und formen damit unsere Selbstverständnisse und unser Zusammenleben. Gleichzeitig verläuft diese Wirkkette aber auch andersherum. Gesellschaft formt Wissensproduktion und Technologieentwicklung. Es ist eine zentrale Aufgabenstellung des Forschungsfelds der Science and Technology Studies, diese Verschränkung von Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft im Alltag zu untersuchen und damit unter anderem auch die Rolle von Wissen und Technologie in gesellschaftlichen Ordnungsprozessen näher zu bestimmen (Niewöhner et al 2012, xx).“

„Konkret bedeutet dies, dass in empirischen Studien vornehmlich solche Felder untersucht werden, in denen verschiedene Wissensformen und Technologien um Deutungshoheit und Wirkmacht konkurrieren; in denen sie stabilisierend oder irritierend wirken; in denen Wissen und Technologien weiterentwickelt werden oder in Vergessenheit geraten; in denen Wissen und technische Artefakte im Gebrauch beobachtet werden können; und in denen entscheidende Veränderungen der gegenwärtigen Ordnungsprozesse entweder Wissenschaft und Technologieentwicklung entscheidend beeinflussen oder durch solche angetrieben werden (ebd., xx).“

Wie aber konzipieren STS Forschungen, die Beziehungen von Wissenschaft und Politik? In dieser Frage schlägt Bruno Latour eine Verlagerung der Arena politischer Auseinandersetzungen vor. Geht es nach ihm, dreht sich Politik nicht mehr um „matters of fact“, sondern um „matters of concern“ (Latour 2004, 225). Teil des Konzepts ist es anhand seiner eigenen (Labor-)Forschungen zu zeigen, dass vergangene STS Forschungen lediglich zum Ziel hatten, den Naturwissenschaften vorzuwerfen, dass ihre faktenbasierten Erkenntnisse nicht objektiv und universell sind, sondern von Kultur und sozialen Prozessen geprägt seien. Latour möchte nun einen Schritt weiter gehen, den Kriegen ein Ende setzen. Folgen wir Latour so können wir sagen, dass Fakten suggerieren, sie würden die Realität unvermittelt widerspiegeln, weil die Vermittlungskette zwischen der Realität und den Fakten aus dem Blick verschwindet – also naturalisiert werden. Fakten werden also nicht mehr als Tat-Sachen gezeigt. Latours Projekt zielt darauf ab, diese Ignoranz zu überwinden. Matters of concern, also Dinge von Belang, „seien reichhaltig, komplex, unsicher, überraschend und kunstvoll konstruiert […] und damit auch inhärent politisch (Sørensen 2012, 209f).“ Latour geht sogar so weit zu sagen, dass mittels der Grundlage eines Parlaments der Dinge, verschiedene Repräsentanten nicht nur zur Lösung eines Problems, sondern bereits zur Definition eines Problems zusammenkommen könnten. Das bedeutet wiederum, dass wissenschaftliches Wissen oder eine wissenschaftlich-technische Rahmung eines Problems, seine mittels Positivismus - … - eingeräumte Vormachtstellung, nicht länger wahrnehmen kann. „Alle Beteiligten sind symmetrische Teilnehmer an diesen Auseinandersetzungen und tragen dazu bei, das Problem zu definieren und zu lösen (Sørensen 2012, 210).“ Latour möchte nicht die Grenzen von Wissenschaft und Politik erhellen. Er zielt darauf ab die Gestaltung von Foren zu beschreiben in denen Repräsentanten der Dinge von Belang zusammengeführt werden. Repräsentanten beschreibt er als eine relevante Beziehung zu Dingen von Belang vollziehend - also performativ und eben nicht ostentativ. „Laut Latour sind Wissenschaft und Politik nicht grundsätzlich und im Wesen (ontologisch) unterschiedliche Aktivitäten. Vielmehr handelt es sich bei Wissenschaft und Politik um zwei Praxisformen, die mit sehr unterschiedlichen sozialen und materiellen Ressourcen die gleichen Problemfelder bearbeiten. Folgen wir diesen Ressourcen in ihrer Verwendung, können wir auch etwas über das stets problematische Verhältnis von Wissenschaft und Politik in Erfahrung bringen.

ALLTAGSPRAXEN ALS MINIMALE VERSUCHSANORDNUNG
Für das Seminar Das Wissen der Gestaltung und die Gestaltung des Wissens arbeiten wir mit einer sozial-anthropologischen STS Perspektive. Wir, der Filmer Marko Mijatovic und ich, Dominique Peck, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsprogramm Urban Design, haben uns dafür entschieden, da wir mit der Konzeption der Alltagspraxen im Feld Wissensproduktion stets eine minimale Versuchsanordnung freistellen können, über die wir Untersuchungen sowohl ins Spiel bringen als auch vorläufig abschließen können. Der Alltagsbegriff einer sozial-anthropologischen STS Perspektive orientiert sich an der Komplexität und Heterogenität von Praxen und nicht nur an bestimmten Funktionen, Strukturen oder Eigenschaften der Praxen, wie zum Beispiel die Entscheidung in politischen Prozessen, die Wissensproduktion in Forschungspraxen, das Lernen in Schulpraxen etc. (Sørensen 2012, 212). „Mit dem Alltagsbegriff werden Praxen in ihrer mannigfaltigen Bestimmung untersucht und es wird etwa gefragt, wie Normen und Moralvorstellungen, Kategorisierungen und Diskriminierungen, Ein- und Ausschlussverfahren durch Alltagspraxen festgelegt werden. Alltagspraxen sind dabei organisiert und reguliert, werden aber gleichzeitig situativ vollzogen (performed) (ebd.).“ Die vier zentralen Punkte auf die wir mittels einer sozial-anthropologischen STS Perspektive eingehen, sind

  • die Politik des Politisch-Machens; worüber können wir uns wie verständigen, worüber nicht, auf welcher Grundlage tauschen wir uns, was wird ausgeklammert oder dazugezählt?
  • das Verständnis der Politik als multi-sited; Politik findet nicht nur im Parlament statt, sondern ist Teil alltäglicher Praktiken, die wiederum an vielen Orten auftreten können. Welche Orte bringen welche Positionen hervor? Wie funktionieren raumpolitische Aspekte?
  • das Konzept der wissenschaftlichen Repräsentation als politischer Akt. Was zeigen Darstellungen? Was wäre eigentlich zu zeigen? Welche Form der Darstellung und welches Mittel der Produktion der Darstellung ist dem Gegenstand angemessen? Welche Mittel der Darstellung und der Vermittlung kommen zum Einsatz? Wem stehen sie zur Verfügung? Wer kann sie „lesen“ bzw. „verstehen“? Schließlich
  • Formen der Kooperation. Welche Kooperationen werden geschlossen? Haben bestehende Kooperationen weiter Bestand? Wie wirken sich Kooperationen auf die Problematisierung eines Gegenstands aus? Welche emergierenden Praxen finden wir jenseits dominanter Kooperationen?

Viele sozial- und kulturanthropologische Analysen zielen darauf ab, die Kontingenz spezifischer Alltage zu zeigen und alternative Praxisformen vorzuschlagen. Es ist dieses Ziel, das uns die STS Perspektive für das Seminar Das Wissen der Gestaltung – Die Gestaltung des Wissens so interessant macht. Dabei arbeiten sich Forscher nicht selten mittels alternativer Repräsentations- also Darstellungsformen an dieses Ziel heran. „Um aus der Einsicht Konsequenzen zu ziehen, dass die Art und Weise, wie Politik hergestellt wird, die politische Intervention formt, experimentieren Sozialanthropologen mit neuen Repräsentationsformen, um neue politische Effekte zu erzielen. So wird etwa mit Prosa, Poesie, Photographien, Bildern, Zeichnungen, Kunst, Comics und anderen Repräsentationsformen experimentiert, die in der Wissenschaft sonst nicht üblich sind (Sørensen 2012, 216).“ Die Frage wie Politik zustande kommt und wer an ihr wie teilhat, welches Wissen und welche Erkenntnisse zum Zuge kommen oder als solche produziert und anerkannt werden, bleibt entscheidend für eine sozial-anthropologische STS Perspektive.

NICHT-WISSEN
Aus Schwering, Markus. 2020. Habermas über Corona: ‚So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie‘. https://www.fr.de. 10. April 2020.

Jürgen Habermas (2020) wies in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau daraufhin, dass wir während der Corona Pandemie so viel über unser Nichtwissen wissen wie nie zuvor. Er folgert, dass wir als Gesellschaft dem Zwang ausgesetzt sind unter Unsicherheiten Handeln und Leben zu müssen. Wie kommt das? Es gibt zwar Experten auf den Gebieten der Medizin, der Volkswirtschaft, der Politik etc. deren Geschäft es ist mittels Prognosen für die Zukunft stabile Rahmenbedingungen für Wirtschaft und Leben anzustreben. Nichtsdestotrotz, „so viel kann man wissen, gibt es, anders als beim Virus, keinen Experten, der die wirtschaftlichen und sozialen Folgen sicher abschätzen kann (ebd.).“

Im Kontext der eben umschriebenen sozial- und kultur-anthropologisch geprägten STS Perspektive für das Seminar Das Wissen der Gestaltung – die Gestaltung des Wissens können wir den Aspekt des Nicht-wissens wie folgt in den Blick nehmen. Wir fokussieren auf alles Provisorische, auf das Fragmentarische, Angerissene, Liegen-gelassene, nicht Sauber-ausgedrückte, Skizzierte, Überarbeitete, nur bedürftig Zusammenhaltende, das Notbeholfene … Auch wenn der Titel des Seminars Das Wissen der Gestaltung – Die Gestaltung des Wissens vorgibt, dass Gestaltung etwas genuin weiß bzw. Wissen gestaltet ist, so dürfen wir dabei nicht außer Acht lassen, dass wir es mit kontingenten Alltagspraxen zu tun haben, deren Erkenntnisgewinn im Gegensatz zu Experimental-Anordnungen in der Forschungsarbeit in Laboren nicht explizit artikuliert und schon gar nicht allgemein anerkannt ist.
Kommen wir dafür auf den eingangs erwähnten Aspekt der methodischen Betrachtung von Alltagspraxen zurück. Chela Sandovals erklärtes Ziel in The Methodology of the Oppressed ist es das dualistische Denken, wie es sich auch in der Opposition zwischen explizitem knowing that und dem impliziten Wissen des knowing how artikuliert, zu erschüttern. Das soll ihr dazu verhelfen, dass alltägliche Praktiken der Kritik den Status der Methode und der Theorie erhalten können. Was ist damit gemeint? Warum ist das relevant?

KNOWING HOW vs. KNOWING THAT
Aus Easterling, Keller. 2016. Extrastatecraft: The Power of Infrastructure Space. London: Verso.
Sonderegger, Ruth. 2019. Vom Leben der Kritik: Kritische Praktiken - und die Notwendigkeit ihrer geopolitischen Situierung. Zaglossus.
Ryle, Gilbert. 1945. “Knowing How and Knowing That: The Presidential Address“. Proceedings of the Aristotelian Society 46: 1–16.

Gehen wir zunächst auf die vermeintliche Trennung von knowing how vs. knowing that ein. Knowing-how – gewohnheitsmäßiges Handeln, prozedurales Wissen; ich weiß, wie ich meine Krawatte binde – wird dabei oft als blind, taub, unkritisch oder implizit charakterisiert, während knowing-that – kritisches Reflektieren, deklaratives Wissen; ich weiß, dass sich Kurt Cobain am 5. April 1994 nach einer Überdosis Heroin mit einer Schrotflinte erschoss – als explizit, diskursiv, reflexiv und zur (Selbst-)Kritik fähig ausgestattet ist (vgl. Sonderegger 2019, 314). Knowing-how wird in intellektuellen Kreisen üblicherweise als minderwertigeres Wissen adressiert. Gilbert Ryle war Mitglied einer britischen Intellektuellenfamilie und schrieb mit The Concept of Mind eine der einflussreichsten philosophischen Schriften in der Mitte des 20. Jahrhunderts, die zwar häufig unter Behaviourism kategorisiert wird, von ihm aber als Beitrag zur Phänomenologie verfasst wurde. Für Ryle war die Unterscheidung in knowing-that und knowing-how ein Irrtum, noch viel mehr, ein Fallstrick. Er argumentierte, dass Wissen keinen „Schattenakt“ zur Kontemplation regelnder Propositionen beinhalten muss. Es gibt keine Lücke zwischen Theorie und Praxis. Ryle erläutert das zunächst anhand der Funktionsweise eines Adverbs über eine performative im Vergleich zu einer ostentativen Ebene: Anmutiges und unbeholfen ausgeführtes Tanzen bezieht sich darauf wie die Bewegung ausgeführt wird und nicht etwa auf einen besonderen Akt des Wissens, der zur Aktion des Tanzens hinzugefügt wird.

Ryle hält seinen Ansatz in zwei Thesen fest: 1. Knowing-how kann nicht mittels knowing-that definiert werden. 2. Knowing-how ist ein Konzept logisch vor knowing-that.

Wenn knowing-how auf gleicher Ebene wie knowing-that rangieren würde, könnte man jemandem der zum ersten Mal Schach spielt, beibringen wie man geschickt Schach spielt, indem man ihm alle Regeln des Schach Spielens beibringt. Tatsächlich geht das aber nicht. Ryle sagt, der Intellektuelle sieht darin einen Beleg dafür, dass der Erstspieler die Regeln doch nicht wirklich oder nur unvollständig kannte. Ryle selbst sieht darin, dass der Erstspieler auch einfach nur dumm sein könnte und er sich nicht an die entsprechende Regel zum entscheidenden Zeitpunkt erinnert, und, auch wenn er die richtige Regel zum richtigen Zeitpunkt erinnert, er dumm sein könnte sie zu befolgen. Die Regeln für etwas zu kennen, sei es Schach spielen oder moralisches Verhalten, bedeutet nicht zwingend, dass man weiß, wie man es geschickt macht. Mit anderen Worten, es erfordert Intelligenz, nicht nur um Wahrheiten zu entdecken, sondern auch um sie anzuwenden. Der Intellektuelle kann nur mittels der Prämisse Aussagen über die Auswirkungen treffen. Ryle geht so weit zu sagen, dass knowing-how vor knowing-that kommt. Wir verwirklichen Propositionen durch tätig sein. Das Wissen, dass wir Fahrrad fahren können, wird verwirklicht, wenn wir in die Pedale treten und uns dadurch vorwärtsbewegen. Die propositionelle Anerkennung von Regeln, Gründen oder Prinzipien ist nicht der Elternteil, also über ihrer intelligenten Anwendung, quasi ihre Abstammung, sondern ihr Stiefkind. Der Fortschritt des Wissens besteht nicht nur in der Anhäufung von entdeckten Wahrheiten, sondern auch und vor allem in der kumulativen Beherrschung von Methoden (Ryle 1945, 15).

Zusammenfassend kann man nicht sagen, dass man von einer Tatsache Kenntnis hat, es sei denn, man kann sie ausnutzen; der Prozess der Ausnutzung ist selbst eine intelligente Operation. Man kann Wissen in der Art eines Museums besitzen, das Stücke zur Schau stellt, und das unterscheidet sich von dem „Werkstatt – Besitz“ (ebd. 16) des Wissens, das propositionale Inhalte aktualisiert, so dass wir sie durch den Gebrauch verstehen können.

GEBRAUCH
Über den Begriff des Gebrauchs können wir wieder an die Perspektive auf die Alltagspraxis einer sozial- und kultur-anthropologisch geprägten STS Arbeit anschließen. Wir haben bereits festgehalten, dass, im Gegensatz zu Alltagspraxen in Experimental-Anordnungen in Forschungsarbeit in Laboren, Alltagspraxen keinen stabilen Ort haben und ihrer Reflexivität der Status des Methodischen und Theoretischen immer wieder abgesprochen wird. Mit Gloria Anzaldúa (2009) können wir sagen, dass das Seminar Das Wissen der Gestaltung – die Gestaltung des Wissens darauf abzielt, solch missachtetes Wissen aus dem Reich des Romantischen und Exotischen mittels räumlich-visueller und/oder auf Schriftbildlichkeit aufbauendem Festhalten, Reflektieren, Teilen und Tradieren von praktisch erforschten und dabei erworbenem (Praxis-)Wissen zu heben oder freizustellen. Es geht Anzaldúa (2009) dabei aber nicht darum mittels dieser Hebung oder Freistellung den etablierten Kanon theoretischer Wissensproduktion zu bedienen oder sich ihm anderwärtig unterzuordnen, sondern einzelne Aspekte wie zum Beispiel historische Analysen, biografische Reflexion und Geschichten, überlieferte Bilder, Metaphern, kleine Formen der Notationen auch nicht zu einer Konklusion linear voranschreitend oder aufsteigend miteinander in Beziehung zu setzen. Darin ist auch ein affizierendes Weitergeben von Wissen im Reflektieren bereits angedacht.

Wir gehen davon aus, dass wir im Zuge der Untersuchungen im Seminar feststellen werden, dass zahlreiche Aspekte des Alltags als schwierig und verunsichernd beschrieben werden müssen – auch ohne Corona. Die Frage bleibt ob wir ein besseres Leben in die Zukunft oder nach der Pandemie aufschieben, oder mit den Verhältnissen, wie sie nun einmal im Werden inbegriffen sind, unsere Situation transformieren können.

ÜBER RÄUMLICHKEIT …
In der Post-ANT Bewegung finden wir Mitte der 2000er Jahre eine erste Bewegung weg von der Netzwerk-metapher zur Erklärung von dem, was Praxis ist, hin zu Räumen, da diese, wie eben auch bei Boltanski schon angezeigt, gleichzeitig real-vorgestellte Aspekte und Relationen beschreiben können. „Der Unterschied zwischen ‚Raum‘ und ‚Räumlichkeit‘ soll hier unterstrichen werden: Unter anderem wird der Raum-Begriff in der Europäischen Ethnologie häufig verwendet, um Praktiken geografisch zu verorten oder um soziale, symbolische und kognitive Aktivitäten zu rahmen und von anderen abzugrenzen, beispielweise im Sinne von Möglichkeitsräumen oder Imaginationsräumen. Hier wird der Begriff 'Raum' verwendet, um einen Ort zu definieren, in dem sich etwas befindet (etwa Möglichkeiten oder Vorstellungen). In den neueren Entwicklungen der Akteur-Netzwerk Theorie wird der Raum-Begriff verwendet, um verschiedene Charakteristika von Praktiken zu verstehen (Sørensen 2012, xx).“
Für den Kunsthistoriker James Elkins (in Holert 2009) sollten „Wörter wie Forschung und Wissen auf Verwaltungsdokumente beschränkt und aus der seriösen Literatur ferngehalten werden‘. In einer Weise, die höchstwahrscheinlich durch Wissenschafts- und Technikstudien und Bruno Latour informiert wird, argumentiert er stattdessen, dass der Fokus auf die ‚Besonderheit von Holzkohle, digitalem Video, dem überladenen Aussehen von Studio-Klassenzimmern (die sich so sehr von naturwissenschaftlichen Laboren unterscheiden und doch so ähnlich sind), den Feinheiten von Photoshop.... das Chaos der Gießerei, die Hitze von unterbelüfteten Computerlaboren‘ gerichtet werden sollte.“

… ZUM POLITISCHEN
Wir haben mit Christopher Dell bereits Wissenschaft in Bezug zur Polis erwähnt. Wie ist es heute um dieser Polis bestellt? Dazu liefert das Werk des französischen Soziologen Luc Boltanski Ansatzpunkte. Darin wird „der Begriff Polis bewusst gewählt, um die tiefen Verflechtungen sowohl der materiellen (urbanistisch-räumlich, architektonisch, infrastrukturell usw.) als auch der immateriellen (kognitive, psychische, soziale, ästhetische, kulturelle, rechtliche, ethische usw.) Dimensionen der Urbanität zu verdeutlichen. Darüber hinaus ist die wissensbasierte Polis ein Konfliktraum der politischen Auseinandersetzung um die Zuweisung, Verfügbarkeit und Nutzung von ‚Wissen‘ und ‚Humankapital‘ (Holert 2009).“ Holert versammelt in einem Text zu seinem Projekt art in the knowledge-based polis einige Bewegungen, gegen die Art und Weise, wie Bildung und Wissen „kommodifiziert, industrialisiert, ökonomisiert und dem Freihandel unterworfen werden“ (R0370126@student.akbild.ac.at 2008, 27) zur wehr setzt.

Auch wenn das oben genannte Beispiel mit Tom Holert seinen Ursprung an der Akademie der bildenden Künste in Wien, und damit einer Kunsthochschule hat, zeigen ähnliche Bewegungen an anderen Hochschulen, dass auch Studierende an technischen oder Gesamtuniversitäten mit ähnlichen Entwicklungen zu kämpfen haben. Sehen Sie sich zum Beispiel die HafenCity Lectures an der HCU Hamburg mit dem Titel Testing University an https://hafencity-lectures.de/testing-university#critique-of-the-university-in-contemporary-capitalism.

Neben den Arbeiten von Luc Boltanski erinnert Holert (2009, 1) uns an „Michel Foucaults (1993) These, ‚dass Macht, Wissen nicht verhindert, sondern hervorbringt.‘ Basierend auf Wissen, Wahrheitsansprüchen und Glaubenssystemen, setzt Macht ebenfalls Wissen ein - sie übt Macht durch Wissen aus, reproduziert es und gestaltet es entsprechend seinen anonymen und verteilten Absichten. Das ist es, was die Bedingungen ihres Umfangs und ihrer Tiefe artikuliert. Foucault verstand Macht und Wissen als voneinander abhängig und nannte diese gegenseitige Inhärenz ‚Macht-Wissen‘. Macht unterstützt nicht nur, sondern wendet auch Wissen an oder nutzt es aus. Es gibt kein Machtverhältnis ohne die Konstitution eines Wissensfeldes, und kein Wissen, das nicht Machtverhältnisse voraussetzt. Diese Beziehungen können daher nicht aus der Sicht eines wissenden Subjekts analysiert werden.“

Bei Boltanski ist auch im besonderen „immaterielle Arbeit“ angesprochen. Was ist damit gemeint? „‚Immaterielle Arbeit‘ (ein Konzept, das seinen Ursprung im Vokabular des postoperaismo hat, wo es das gesamte Feld des ‚Wissens, der Information, der Kommunikation, der Beziehungen oder gar der Affekte‘ umfassen soll), ist zu einer der wichtigsten Quellen der sozialen und wirtschaftlichen Wertschöpfung geworden (Hardt und Negri 2005). Daher ist es für die bildenden Künste [und damit wohl der Architektur und dem Urban Design] und ihre verschiedenen (produzierenden, kommunizierenden, bildenden, etc.) Akteure von entscheidender Bedeutung, sich in diese Realität einzufügen oder sich der Logik und den Beschränkungen ihres ‚kognitiven Kapitalismus‘ zu widersetzen (Boutang 2008). Zu diesen Ansätzen gehört eine auch informelle, ephemere und implizite ‚praktische Weisheit‘, die individuelle und kollektive Gewohnheiten, Einstellungen und Dialekte vermittelt. Darüber hinaus ist der Einfluss feministischer, queerer, subalterner oder postkolonialer Epistemologien und ‚situierter Kenntnisse‘ (Haraway 1988) in Bezug auf die bildende Kunst von großer Bedeutung (Holert 2009).“

Holerts Vorschlag: „Gefragt ist eine multifokale, multidisziplinäre Perspektive mit einem neuen Blick auf die Wechselwirkungen und konstitutiven Beziehungen zwischen Wissen und bildender Kunst [oder Gestaltung beziehungsweise Darstellung und Repräsentation im allgemeinen]. Die spezifischen, historisch fundierten Beziehungen zwischen künstlerischen und wissenschaftlichen Methoden (ihre Epistemologien, Wissensansprüche und Legitimationsdiskurse) sollten eine große Rolle spielen. Im bewussten Unterschied zu vergleichbaren Forschungsprogrammen wird die Forschung jedoch auf ein erweitertes epistemisches Terrain geleitet, auf dem ‚wissenschaftliches‘ Wissen keine privilegierte Referenz mehr ist. Der interne Austausch und die Kommunikation zwischen den sozial-kulturellen Welten der bildenden Künste und ihren transdisziplinären Beziehungen wird durch genau jene Formen des Wissens strukturiert und geprägt, deren Legitimität und Sichtbarkeit Gegenstand heftig umkämpfter epistemologischer Kämpfe sind.“

  • Boutang, Yann Moulier, Philippe Aigrain, Olivier Assouly, François Fourquet, und Collectif. 2008. Le Capitalisme Cognitif: La Nouvelle Grande Transformation. 1. Aufl. Paris: AMSTERDAM.
  • Dell, Christopher. 2018. „Ways of understanding, expressing, and practicing looking at the city.“ In: Across Theory and Practice: Thinking Through Urban Research, hg. von Monika Grubbauer und Kate Shaw, 101–109. Berlin: Jovis.
  • Easterling, Keller. 2016. Extrastatecraft: The Power of Infrastructure Space. London: Verso. Sonderegger, Ruth. 2019. Vom Leben der Kritik: Kritische Praktiken - und die Notwendigkeit ihrer geopolitischen Situierung. Zaglossus.
  • Foucault, Michel. 1981. Archäologie des Wissens. Übersetzt von Ulrich Köppen. 17. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
  • ———. 1993. Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses. Übersetzt von Walter Seitter. 17. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
  • Haraway, Donna. 1988. „Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective“. Feminist Studies 14 (3): 575–99.
  • Hardt, Michael, und Antonio Negri. 2005. Multitude: War and Democracy in the Age of Empire. Reprint Auflage. New York, NY: Penguin Books.
  • Holert, Tom. 2009. „Art in the Knowledge-based Polis“. e-flux Journal, Nr. 3. https://www.e-flux.com/journal/03/68537/art-in-the-knowledge-based-polis/.
  • Knorr Cetina, Karin. 2002. Wissenskulturen: Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
  • ———. 2007. „Culture in global knowledge societies: knowledge cultures and epistemic cultures“. Interdisciplinary Science Reviews 32 (4): 361–75. https://doi.org/10.1179/030801807X163571.
  • Regenbogen, Arnim, und Uwe Meyer. 2013. Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Hamburg: Meiner, F.
  • Ryle, Gilbert. 1945. „Knowing How and Knowing That: The Presidential Address“. Proceedings of the Aristotelian Society 46: 1–16.
  • Schwering, Markus. 2020. „Jürgen Habermas über Corona: ‚So viel Wissen über unser Nichtwissen gab es noch nie‘“. https://www.fr.de. 10. April 2020. https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/juergen-habermas-coronavirus-krise-covid19-interview-13642491.html.
  • Sheikh, Simon. 2009. „Objects of Study or Commodification of Knowledge? Remarks on Artistic Research“. Art & Research - A Journal of Ideas, Contexts and Methods 2 (2). http://www.artandresearch.org.uk/v2n2/sheikh.html.
  • Sørensen, Estrid. 2012. „STS und Politik“. In Science and Technology Studies. Eine sozialanthropologische Einführung, herausgegeben von Stefan Beck, Jörg Niewöhner, und Estrid Sørensen, 197–226. Bielefeld: transcript Verlag.
  • Sturm, Gabriele. 2000. Wege zum Raum: Methodologische Annäherungen an ein Basiskonzept Raumbezogener Wissenschaften. Wiesbaden: Leske + Budrich Verlag.
  • T, N. 1969. „Notes Towards the Definition of Anti-Culture“. In Students and Staff of Hornsey College of Art. Harmondsworth, London: Penguin.

Dominique Peck

12.10.2020

Gestaltung - Eine Perspektive

Worüber sprechen wir, wenn wir von Design bzw. Gestaltung und Entwurf sprechen? Der Industriedesigner und Lehrende an der Ecole cantonale d'art de Lausanne Jonathan Olivares schreibt in dem 2020 veröffentlichten ECAL Manual of Styles, gefragt nach dem wichtigsten Aspekt wie Design gelehrt werden könne, dazu:

„Trotz der Polarität in der globalen Disziplin der Designschulen in den 80er und 90er Jahren hielten die Designschulen weiterhin an einer einzigen, lokal akzeptierten Methode der Praxis fest und lehrten sie. Angesichts der explosionsartigen Zunahme von Stilen und Methoden, die die Designdisziplin im letzten halben Jahrhundert erlebt hat, ist die engste Analogie zu einer umfassenden Vorstellung von diesem Bereich vielleicht die chinesische Kampfkunst, die bereits vor dem Aufkommen der modernen Stile in den 1940er Jahren über siebzig Stile hatte. Heute gibt es Praktizierende und Schulen all dieser Stile, und seit dem Aufkommen der gemischten Kampfkünste in den frühen 1990er Jahren gibt es Praktizierende, die in ihrer Praxis viele Stile kombinieren. Es gibt heute keine einzige Möglichkeit, Design zu praktizieren, so wie die Kampfkünste mehr stilistische Freiheit bieten als je zuvor.“

In Reflektion dieser beschriebenen Situation, können wir sagen, dass wir uns in Haltung und Verfahrensweisen positionieren beziehungsweise situieren müssen. Damit ist nicht gemeint, dass wir uns auf einen starken persönlichen Stil festlegen, den wir dann bloß durchhalten müssen, sondern uns fortlaufend gegenüber der Situation, sprich den Verhältnissen, wie sie nun einmal im Werden inbegriffen sind, verorten müssen.

Ich möchte Ihnen für das Seminar das Wissen der Gestaltung – die Gestaltung des Wissens mit Rem Koolhaas/OMA-AMO eine Designpraxis vorstellen, die, wie ich meine, genau das macht, egal wann, wo und mit wem sie ans Arbeiten kommt. Rem Koolhaas/OMA-AMOs Designpraxis basiert auf ergebnisoffener Recherche, strebt in visuell-räumlichen Formen des Schlussfolgerns voran und setzt dafür hauptsächlich auf eine ausgereifte begriffliche Praxis, Techniken der Bildbearbeitung und Modellierungsverfahren und damit auf die Arbeitsebene des Studios, egal um welches Projekt oder Produkt es geht oder gehen soll. Doch am wichtigsten, in Bezug auf unser Seminar, scheint mir der Fokus auf die Ermöglichung von Gebrauch über das Verschalten von erkenntnistheoretisch relevanten Aspekten der Verhältnisse, wie sie nun einmal im Werden inbegriffen sind. Lassen Sie uns einige Positionen zu Rem Koolhaas/OMA-AMO verschalten, um der Sache auf die Spur zu kommen.

Publikationen
Das Werk von Rem Koolhaas bzw. OMA-AMO wird weit über die Architektur hinaus rezipiert. Seine „Narration ex post“ (Hinterwaldner 2017) oder „Theorie der Praxis“ (Jachmann 2017) des Entwerfens oder der Tätigkeiten im Architekturstudio erlangten kulturgeschichtliche Relevanz vor allem im Übergang der Moderne in die Postmoderne. So steht bei Koolhaas und anderen das Publizieren mindestens gleichrangig mit dem Bauen. Während die Publikationen der Kollegen häufig unter Kunstbüchern oder sogenannter show & tell oder coffee table books firmieren, versammelt Koolhaas seine Form des Publizierens aus diversen Genres des Schreibens und Gestaltens wie „Essays, Manifeste, Märchen, Reiseberichte oder andere Serien der Mediation über die gegenwärtige Stadt“ (ebd.). Koolhaas greift dafür unter anderem Bewegungen in den bildenden Künsten auf, die in den 60ern die Publikation als Werk künstlerischer Praxis etablierten.
Koolhaas schrieb vor dem Architekturstudium an der AA in London den holländischen Film noir The White Slave und einen weiteren nicht produzierten Softporno. Im Alter von 19 Jahren schrieb er für die Haagse Post, ein holländisches monatlich erscheinendes Meinungsmagazin. Einige von Koolhaas‘ Verwandte waren zu ihren Lebzeiten als Novellen- und Drehbuchschreiber aber auch Architekten und Stadtplaner tätig. Koolhaas lebte als Kind mit seinen Eltern in Rotterdam, Amsterdam, Jakarta und dann wieder in Amsterdam. Er studierte zunächst an der AA in London und arbeitete und studierte dann mit Oswald Mathias Ungers (OMU) und am Institute for Architecture and Urbanism unter der Leitung von Peter Eisenman in New York. Dort schrieb Koolhaas das 1978 erschienene retroaktive Manifest – Delirious New York – eine Beschreibung von Stadt als ein Gewebe von Möglichkeiten und dem Entwurf einer Haltung und Verfahrensweise damit umzugehen. Zusammen mit Zoe und Elia Zenghelis und Madelon Vriesendorp gründete er 1975 OMA – Office for Metropolitan Architecture (OMA). Eine Beschreibung Koolhaas Werk kann an dieser Stelle nur zu kurz kommen, so dass ich Ihnen den Film Rem Koolhaas – A kind of architect nur wärmsten ans Herz legen kann.

Bevor wir weiter mit Koolhaas gehen, müssen wir folgende Fragen klären: Was passiert mit dem Publizieren mit der Architektur? Was können wir in Bezug auf die Wechselwirkungen von Gestaltung und Wissensproduktion daraus ziehen? Das Publizieren in der Architektur verändert die Architekturproduktion. Der Unterschied der Architektur und dem einfachen Bauen wandert in den sogenannten Diskurs. „Sogenannt, weil die Bezeichnung Diskurs missverständlich ist. Sie suggeriert einen Prozess des diskursiven Aushandelns, was architektonischen Wert hat und was nicht. Die Bezeichnung Diskurs verdeckt den Sachverhalt, dass es in der architektonischen Kommunikation nicht zunächst die Argumente sind, die zählen. Wichtiger als alles andere ist die Häufigkeit, mit der das Werk oder die Personen genannt werden. … Was zählt, ist das Konto der Erwähnungen (Franck 2005, 175f).“
Georg Franck (2005) beschreibt unmissverständlich wie die Ökonomie der Aufmerksamkeit in der Architektur über das Publizieren Eingang hält und um sich greift. Das geht auch mit einer veränderten Funktion der Architekturproduktion selbst einher. So schreibt Franck über die neuen Stararchitekten der 90er und 00er Jahre weiter, dass „die Dienste der Stararchitektin nachgefragt werden, um erstens die Verhandlungsposition gegenüber Geldgebern und Genehmigungsbehörden zu stärken, und um zweitens das Projekt in der medialen Öffentlichkeit zu platzieren. […] Die Attraktionsleistung der Architektur geht in den Begriff der Funktionalität ein (185f).“ Das bringt eine ganze Reihe neuer Protagonisten zum Vorschein, die Philip Johnson und Mark Wigley 1988 zwar unter dem Ausstellungstitel „Deconstructivist Architecture“ im MoMa versammeln die tatsächlich aber eher ein Spektrum von Positionen darstellen. Während Peter Eisenmann vermeintlich nahe an Jaques Derridas Philosophie arbeitet und teils verstörende Projekte hervorbringt, verzichtet Franck Gehry weitestgehend auf Verstörung, greift in das komfortable und romantische Off der Architektur von Campingplätzen und Wellblechhütten und macht den Verzicht auf Verstörung durch technische Innovation und Virtuosität wett (ebd). „Er ist es, der mit neuen Geometrien zu arbeiten begann und die inzwischen so genannte 3D-Technik in die architektonische Produktion eingeführt hat (ebd. 190).“ „Eisenman setzte den Computer ein, um die Vorurteile und Gewohnheiten des menschlichen Entwerfens tiefer zu unterlaufen, als die Selbstreflexion des Subjekts es vermocht hätte (ebd).“
Wir halten fest: die Veränderung der Architekturproduktion ging mit einer wechselseitig sich bedingenden Veränderung der Ökonomie, der Darstellungsmittel als auch der Theorie bzw. Philosophie einher. Diskursproduktion über Ausstellungen und Bücher öffnen die (Haltungen und Verfahrensweisen der) Architekturproduktion gegenüber anderen Tätigkeitsfeldern als dem Bauen.

Medienkunst
Nun wieder zurück zu Koolhaas. Er ist deswegen von solchem Interesse, da er die meisten anderen Positionen bereits zum Start überkommen hatte. „Er nimmt die Kraft des [in der Architektur] klassisch Gewordenen auf, ordnet sich der Tradition aber nicht unter. Die erste Postmoderne war naiv, was die Verwertung des akkumulierten Prestiges betrifft. Sie machte keinen Unterschied zwischen dem Wert, den das Altehrwürdige durch die sachliche Bewährung, und dem, den es durch das Prinzip der Anciennität [– Prinzip, nach dem z. B. Beamte nach dem Dienstalter, nicht nach der Leistung befördert werden –] angenommen hat. Eben diesen Unterschied nimmt Koolhaas nun ganz genau. Er schwört dem Bewährten ab, nimmt aber die Würde in Anspruch. Er unterscheidet scharf zwischen dem Wert, den das klassisch Gewordene als kulturelles Kapital, und dem, den es als soziales Kapital hat. Über den ersten Wert macht er sich lustig, den zweiten macht er sich zunutze (211f).“

Schauen wir uns das am Beispiel eines Projektes an: „Wie, so fragt Rem Koolhaas (2004, 189), ist Mies [van der Rohes Illinois Institute of Technology (IIT) Masterplan] nun aber schöner: durch den Gebrauch entstellt oder im Sinn des Gebrauchs, wie er nun einmal ist, umgebaut? „All die Umstände, die die Brauchbarkeit einschränken, nimmt Koolhaas [in seinem Projekt https://oma.eu/projects/iit-mccormick-tribune-campus-center] nun aufs Korn: den Lärm der Hochbahn, der das Gelände akustisch beherrscht; die Trampelpfade, die dem Kult des rechten Winkels Hohn sprechen; die nicht vorhergesehenen Vorlieben des studentischen Lebens. Er verpasst der Hochbahn eine Röhre und integriert sie in die Umbauung des Commons Building; er richtet die interne Erschließung nach dem Kreuz und Quer der Durchgänge, wie sie sich anbieten; er rückt die Nachfrage nach fast food und Computerspielen ins Zentrum. Der lässige Umgang mit dem alten Zentrum des studentischen Lebens geht nicht zu Lasten der Würde des Commons Building. [Die Miesianer] hatten keinen Sinn für den Spaß. Eben weil sie die Sache hochspielten, spielten sie aber Koolhaas in die Hände. Sie machten die Sache zu einem Fall, der nicht nur Architekten, sondern auch Denkmalschützer und Konservatoren angeht. Deren Interesse und Zuständigkeit belegt, dass es um den Katalog der kanonischen Werke geht. Nichts besser fürs eigene Prestige, als den Umgang, den man mit Klassikern pflegt, zum Gegenstand der allgemeinen Diskussion über den Umgang mit dem klassischen Erbe zu machen (Franck 2005, 213f).“

„Rem Koolhaas ist ein Medienkünstler. Er ist Medienkünstler nur eben nicht im Sinn des Mediums als Technik, sondern im Sinn des Mediums als Markt. Er zeigt, was aus einer Disziplin der hohen Kultur wird, wenn sie sich erfolgreich auf den Wandel der kulturellen Ökonomie einstellt. Die Medienkunst, die Koolhaas vertritt, ist die Kunst der Vernetzung in den Medien der Publikation. […] Er ist unermüdlich im Publizieren und im Arbeiten an neuen Formaten für die architektonische Publikation (Franck 2005, 216f).

Content
Schauen wir uns die Publikation zum von Georg Franck besprochenen Projekt genauer an. Das Projekt befindet sich im Buch Content. Nach S, M, L, XL 1997 stellt Content 2004 die zweite Anstrengung von Koolhaas/OMA-AMO dar, mit dem eigenen Werk umzugehen. Content ist alles was S, M, L, XL nicht ist: „dicht, billig, wegwerfbar. Die unerbittliche interne Logik, die S, M, L, XL vorantrieb, wird hier durch die Einbeziehung kritischer, externer Stimmen konterkariert (oma.eu).“ Das Motiv des Buches ist „Go East“ und beschreibt die Haltung bei OMA zu Beginn des neuen Jahrtausends. „Content dokumentiert unweigerlich die Folgen des 11. September für die Arbeit von OMA-AMO: eine verringerte Beschäftigung mit den USA und eine Verlagerung nach Osten, die sich zunehmend auf Europa, Russland und China konzentriert (oma.eu/projects/content).“ Als die ganze Welt auf den Wiederaufbau des New Yorker World Trade Centers schaut, geht Koolhaas/OMA-AMO nach Peking, China um das neue Headquarter für China Central Television zu realisieren. Ein business move, wie OMA-AMO einräumt, der aber nicht von irgendwo kommt, sondern auf zahlreichen Recherchen in akademischen Projekten zurück geht bzw. diesen vorbereitet hat– allen voran: Harvard University’s Project on the City „The Great Leap Forward“ https://oma.eu/publications/project-on-the-city-i-great-leap-forward, das sich mit den Transformationen des Pearl River Delta auseinandersetzt.

Auch das Projekt McCormick Tribune Campus Center at IIT, fertiggestellt im Oktober 2003, basiert auf einer vorangestellten Recherche. In Content läuft diese unter dem Titel „Black Metropolis: Life and Death in Bronzeville“ von Ellen Grimes, damals Mitarbeiterin am IIT, über die Seiten 172 bis 181 um dann über eineinhalb Spreadsheets „Miestakes“ zu einer Projektdarstellung aus einer Fülle von Materialien überzugehen: 16 urbanistische Prinzipien als Text in Form von kurzen Absätzen ähnlich einer Staubsaugeranleitung, sieben Fotografien des realisierten Projektes, einem Tableau aus Diagrammen zur Wegeführung und „Zugänglichkeit“ des Campus in dem Spreadsheet füllenden Eröffnungsfoto und einer Fotomontage von Brüsten in der Fassade Mies van der Rohes ikonischem Seagram Building – eine Anspielung auf die Sichtbeziehung Mies Modellbauwerkstatt zum Fotostudio des Playboy Magazines und die Anfrage Hugh Hefners an Mies das neue Gebäude für den Playboy zu entwerfen.
Grimes Text reißt die Schlaglichter der räumlichen Entwicklung des Areals des späteren IIT Campus, dem Ort des Projektes, auf. Sie verbindet historische Tatsachen, wie Infrastrukturprojekte, Erfolge und Misserfolge urbaner sozialer Bewegungen, politisch-administrativer Setzungen und ihrer Folgen, persönliche Schicksale bekannter Personen, der Gründungsgeschichte des IIT zu einer Recherche über die „Zugänglichkeit“ des Campus entlang von Fragen wie „Was macht der ITT Campus? Wie ist seine Relation zur Stadt? Welchen Raum, welche Stadt, bringt das Campusleben hervor, und umgekehrt?“ Dieser Teil der Grundlagenrecherche oder der historischen Kontextanalyse gleicht einer akademischen Untersuchung eines Historikers oder Stadtanthropologen oder -ethnografen und ist in Content als ein erarbeiteter Aspekt des Entwerfens dokumentiert. Koolhaas/OMA-AMOs konzeptioneller Ansatz der Gestaltung problematisiert den modernen Ansatz Mies ITT Campus in seinen raumpolitischen Aspekten. Mittels der Recherche klärt Koolhaas/OMA-AMO Mies Haltung in Urbanistik und Architektur, ohne seine Erkenntnisse in puncto des industriellen Bauens bzw. der modernen Architektur über Bord zu werfen. In den 16 urbanistischen Prinzipien listet Koolhaas (2004, 182) seine Überlegungen und Setzungen im Entwurf in unvergleichlicher begrifflicher Praxis (Konzeptionelles Arbeiten).
„5. In its current form, Mies’s ITT Campus is marooned. The true crisis of ITT is not its relative neglect, but the disappearance of the city around it, Chicago. This brutal cancelation has turned the campus into a metaphorical tabula rasa surrounded by a real tabula rasa; the disappearance of the city has pulled the rug out from underneath Mies.”

Rem Koolhaas setzt sich selbst ins Werk (die gegenwärtige Stadt). Seine Form des räumlich-visuellen Schlussfolgerns und der begrifflichen Praxis kommt in der Publizistik zusammen und dient gesamt als auch in Teilen als Produkt und auch im Prozess stets als Reflexionsinstrument. „Der Architekt entwickelt und inszeniert Problemstellungen oder Konflikte, die für ihn selbst eine zentrale Position besitzen, vor einer Folie an antizipierten Rezeptionsformen und Reaktionsmustern. Die für Koolhaas so essenzielle introspektive Deutung der Architektur ist somit über eine inszenatorische Ebene direkt an ihre Außenwirkung gekoppelt. Durch eine von der entwerferischen Ebene auf die Rezeption zielende Inszenierung eines Konfliktes kann Architektur Ereignisse ermöglichen und einen offenen Charakter besitzen, aber nur, wenn sie, statt selbst ein Ereignis zu sein, ein solches in einer hysterischen Erwartung für eine paranoisch-kritische Wahrnehmung vorhält, wenn sie zu einem gesättigten Substrat wird, in der jede Veränderung zu überraschenden und sprunghaften Entwicklungen führt (Jachmann 2017, 302).“ Bei Gilles Deleuze finden wir dazu diese These: „Es gibt kaum einen Unterschied zwischen dem Hysteriker, dem Hysterisierten, dem Hysterisierenden (ebd).“ Koolhaas arbeitet im IIT Projekt zur „Zugänglichkeit“ von U.S. amerikanischen Hochschulen in Relation zu seiner eigenen Bildungsbiografie. Er selbst hat keinen geradlinigen Ausbildungsweg genommen. Das U.S. amerikanische Hochschulsystem steht in puncto Zugänglichkeit in starkem Kontrast zum europäischen, dem für Koolhaas gewohnten System. Der Betrieb der U.S. amerikanischen Hochschulen baut stärker auf Großspender und Alumnibeziehungen auf und schließt darüber systematisch bestimmte Bevölkerungsgruppen aus. Er arbeitete und studierte am von Peter Eisenman neu gegründeten Institute for Architecture and Urbanism, wo, anders als an anderen Architekturausbildungsstätten zu der Zeit, besonderer Wert auf Debatte, Kritik, multidisziplinäres Experimentieren, progressive Bildung, Improvisation und angewandte Theorie gelegt wurde. Die Aufgabe der Organisation des Studiums ist ihm also bekannt. Er pflegt auch bereits Kontakte zu Lehrenden und Studierenden an anderen Einrichtungen und bindet diese später in „seine“ Projekte ein. Die Dinge gehen ihn also stets selber an, er arbeitete sich zumeist an anderer Stelle bereits in ähnlich gelagerte Aspekte ein, problematisiert diese im Kontext der Stadt, wie er sie in Delirious New York beschrieben hat und hebt damit subjektive Relationen auf eine exorbitante Diskursebene.

Alles ist eigentlich ein Bild
Woraufhin ist ein solcher Arbeitsmodus aus und was will er? Warum ist er für Das Wissen der Gestaltung – die Gestaltung des Wissens von Relevanz? Koolhaas/OMA-AMO arbeiten hybrid mit Modellen und auf dem Raum der bedruckten Seite. In einem Interview mit einem ehemaligen engen Mitarbeiter berichtet dieser davon, dass die Drucker im Büro permanent liefen. Koolhaas skizzierte auf von den Mitarbeitern vorgelegten Ausdrucken. Zusammen mit der Arbeit an Modellen, an vielen Modellen, vielen Versionen, in vielen verschiedenen Maßstäben bildet das Festhalten eines bestimmten Zustands eine wichtige Rolle: „Ergebnisse können dokumentiert und/oder in neuerliche Überarbeitungsrunden eingespielt werden (Hinterwaldner 2017, 414).“ Diese beiden Entwurfswerkzeuge, Techniken der Bildbearbeitung und Modellierungsverfahren sind die wichtigsten epistemischen Werkzeuge, mit deren Hilfe das nicht Existierende erkundet wird. Über sie können wir das Studio als Experimentalumgebung beschreiben. Von einem Experiment können wir sprechen, wenn es eine artikulierte Versuchsanordnung inklusive der Absicht des Gelingens des Versuchs gibt und eine nachträgliche Reflexion, über eine begleitende Dokumentation des Entwurfs ins Spiel gebracht. Die eben angesprochene Vielfalt der Bilder und Modelle ist im Entwurf funktional (ebd.). Die Übergänge zwischen Bilder und Modellen (also zwischen mehreren Bildern und zwischen mehreren Modellen und zwischen mehreren Bildern und mehreren Modellen) in der Praxis sind fließend. Das geht darauf zurück, dass Modelle immer nur in bestimmten Hinsichten Aussagen über das, was sie explorieren, machen können. Es muss deshalb stets in Erfahrung gebracht werden, welche Aspekte des Problemfelds sich überhaupt mit ihrer Hilfe untersuchen lassen und wo die jeweiligen „epistemischen Grenzen“ liegen (ebd. 408). Der epistemische Gewinn liegt jeweils in der Handhabung; in der Praxis werden durch spezifische Formen des Schlussfolgerns Einsichten gewonnen, Erkenntnisse bestätigt, Wissen verfestigt. Aus einer operativen Perspektive betrachtet, entpuppen sich modellhafte Formen des Schlussfolgerns als vermeintlich bildbasierte Vorgänge. Denn die tatsächliche Handhabung ist durch bildliche Phänomene geprägt (ebd. 419). Deswegen finden wir auch in S, M, L, XL eine sehr große Anzahl von Fotografien von Modellen wieder. Projekte werden am Bildschirmmodell über die Ansichten Grundriss, Schnitt, Axonometrie und Perspektive entwickelt. Der Architekt entspricht also der Figur eines „conscious collectors, manipulators and projectors of images (Betsky 2004, 31). Koolhaas ehemaliger Mitarbieter erinnert mehrere Situationen in Kiosken an Flughäfen wo Koolhaas für 100. EUROs, Dollar oder andere Währungen Magazine kauft, sie rasend schnell durchblättert und dann beiseite legt. Er sauge die Bilder wahrhaftig auf. “Die Verwendung von Bildern und Modellen ist in den Publikationen von Koolhaas/OMA-AMO von einer hohen Wertschätzung gegenüber der Fülle, Eigenständigkeit und Widerspenstigkeit dieser Medien gekennzeichnet. Druckraster, Belichtungsfehler, unscharfe Standbilder, grelle Farbigkeit, schäbige Modellbaumaterialien und Pixelraster [in der Publikation S, M, L, XL] lassen die Entstehungsprozesse und technischen Hintergründe aller Medien offenkundig werden und machen diese Dimension für den Prozess einer Überlagerung und thematischen Dichte fruchtbar, der sowohl im Bereich der Publizistik als auch der Architektur wirksam wird (Jachmann 2017, 293).“

Gestaltung ist nicht gleich Experimentieren
Sabine Ammons These lautet: Gestaltung ist nicht gleich Experimentieren. Ammon plädiert dafür das häufig metaphorische Sprechen von Gestaltung ist gleich Experimentieren abzulegen und dazu überzugehen die Praktiken, Techniken und Strategien der Gestaltung als eigene epistemische Praktiken zu beschreiben und zu analysieren. Sie stellt anhand einer Studie von Albena Yaneva (2005) – Scaling up and down: extraction trials in architectural design die Sie in und zu dem Office for Metropolitan Architecture produziert hat – mit der Perspektive von Wenceslao Gonzalez auf das Konzept des Experimentierens aus der Wissenschaftsphilosophie frei, dass es sich bei Gestaltung methodologisch, ontologisch und schließlich epistemologisch „tatsächlich um eine echte epistemische Praxis und nicht nur eine Art von Experimentieren (Ammon 2017, 517)“ handelt. Damit ist aber noch nicht belegt, wovon bei der Gleichstellung von Gestaltung und Experimentieren häufig die Rede ist: nämlich, dass „das Entwerfen mit einer wissenschaftlichen Methode korreliert oder gar für Wissenschaftlichkeit im Allgemeinen steht (ebd.).“ Ammon weiter: „Um Erkenntnisse aus einem Gestaltungsprozess in ein systematisiertes, explizites Wissen zu überführen, muss ein reflexives Moment ins Spiel kommen, ein Moment, das die zugrunde liegenden Prozesse methodisch überprüft, evaluiert und ordnet (ebd. 517f).“ Das Seminar Das Wissen der Gestaltung - die Gestaltung des Wissens versucht dieses Moment zwischen Lehre, Forschung und Paxis anzulegen und ins Spiel zu bringen.

Schlussbemerkungen
Ich möchte hier eine Nähe Rem Koolhaas/OMA-AMOs Modus zu den Arbeiten im Seminar Das Wissen der Gestaltung- die Gestaltung des Wissens herbeischreiben, da, wie ich meine, damit der Fokus auf die Haltung und Verfahrensweisen der Wissensproduktion über die Gestaltung besonders komplex und deshalb klar angelegt ist bzw. Verwendung findet. Koolhaas weiß nur zu gut, dass „das Urteil ein gutes Stück von der Architektur weg in die Bildmedien verlagert ist (Melters 2013, 74).“ Auf seine Weise bevölkert Rem Koolhaas/OMA-AMO die in der Darstellung entleerten Werke hervorgebracht durch eine moderne orthogonale Darstellungsweise, die, auf Alberti und Architekturpublizistik im Verlauf des 16. und frühen 17. Jahrhunderts zurückgreifend, systematisch die Merkmale ausblendete, die das Bauwerk in funktionaler, sozialer und ästhetischer Hinsicht substantiell charakterisieren: die Räumlichkeit, d.h. die sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten (ebd. 80f). Monika Melters macht uns darauf aufmerksam, dass „der Maler Charles Le Brun in einer Rede vor der Académie de Peinture et de Sculpture 1672 in Paris sagte: »L’architecture et le dessin ne sont qu’une même chose«. [Architektur und Design sind ein und dasselbe.] Damit erkannte er die Bedeutung an, die das Medium der Entwurfszeichnung in der Architektur seiner Zeit gewonnen hatte. Ein solches Bewusstsein für die verdeckte ‚Gattung‘ der Bildmedien gilt es auf breiterer Ebene jedoch offensichtlich erst zu schaffen.“ Technische Zeichnung und Entwurfszeichnungen sind die wichtigsten Modernen Bildformen. Sie trennen scharf zwischen denen, die sie produzieren und lesen können, und denen die eine vereinfachende Visualisierung des Entwurfes in Form eines räumlichen Bildes brauchen (ebd.). In den Arbeiten Koolhaas/OMA-AMO geht es darum diesen Sachverhalt nicht einfach als betriebliche Vorteile der Anschaulichkeit abzutun (im Sinne von Manipulation über die Bilder), sondern sich über die Darstellung und damit die Wissensproduktion mit anderen dort zu verschalten, wo es das noch nicht Existierende zu explorieren gilt.

Das ist das politische an Koolhaas/OMA-AMO. Um es mit Latour (2018) zu sagen: „Die Politik ist deshalb substanzlos geworden, weil sie die unartikulierte Klage der Zu-kurz-Gekommenen und Ausgestoßenen mit einer Repräsentation kombiniert, die an der Spitze derart verfestigt ist, dass beide tatsächlich unvergleichbar sind. Das heißt dann Repräsentationsdefizit (109).“ Koolhaas/OMA-AMO zeigen, dass „die Frage nicht ist, wie die Unzulänglichkeiten des Denkens ausgeräumt werden können, sondern, wie es möglich wird, vor einer Landschaft, die sich gemeinsam erforschen lässt, ein und dieselbe Kultur miteinander zu teilen und denselben Herausforderungen zu trotzen. Wir stoßen hier auf den gewohnten Fehler der Epistemologie, nämlich dass etwas intellektuellen Defiziten zugeschrieben wird, was in Wahrheit einem Defizit an gemeinsamer Praxis geschuldet ist (ebd. 35).“ „Der Raum ist nicht mehr der mit ihrem Raster aus Längen- und Breitengraden erfasste der Kartografie, sondern ist zu einer bewegten Geschichte geworden, in der wir selbst nur Beteiligte unter anderen sind, die auf Reaktionen anderer reagieren. Augenscheinlich landen wir mitten in der Geogeschichte (ebd. 53).“

  • Ammon, Sabine. 2017. „Why Designing Is Not Experimenting: Design Methods, Epistemic Praxis and Strategies of Knowledge Acquisition in Architecture“. Philosophy & Technology 30 (4): 495–520. https://doi.org/10.1007/s13347-017-0256-4.
  • Ammon, Sabine, und Inge Hinterwaldner. 2017. Bildlichkeit im Zeitalter der Modellierung: Operative Artefakte in Entwurfsprozessen der Architektur und des Ingenieurwesens. 2017. Aufl. Paderborn: Verlag Wilhelm Fink.
  • Betsky, Aaron. 2004. „The Fice of Manhatten Inside the Iceberg of Modernism“. In What Is Oma: Considering Rem Koolhaas and the Office for Metropolitan Architecture, 01 Auflage, 25–39. Rotterdam: Nai Publ.
  • Franck, Georg. 2005. „Rem Koolhaas und die zweite Moderne“. In Mentaler Kapitalismus, 196–214. Wien München: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG.
  • Hinterwaldner, Inge. 2017. „Prolog. Modellhaftigkeit und Bildlichkeit in Entwurfsartefakten“. In Bildlichkeit im Zeitalter der Modellierung: Operative Artefakte in Entwurfsprozessen der Architektur und des Ingenieurwesens, herausgegeben von Sabine Ammon und Inge Hinterwaldner, 2017. 399–426. Paderborn: Verlag Wilhelm Fink.
  • Jachmann, Julian. 2017. „Der hysterische Modus. Architektur und Medialität in den Publikationen von Rem Koolhaas“. Bildlichkeit im Zeitalter der Modellierung, Januar, 287–312. https://doi.org/10.30965/9783846758540_013.
  • Koolhaas, Rem. 2004. „Content“. AA School of Architecture, Februar 17. https://www.youtube.com/watch?v=0_OXkbBxNYw&t=1390s.
  • Latour, Bruno. 2018. Das terrestrische Manifest. Berlin: Suhrkamp Verlag.
  • Melters, Monika. 2013. „Der Entwurf: Überlegungen zur visuellen Kommunikation von Architektur im historischen, theoretischen und mediengeschichtlichen Kontext“. In Diagrammatik der Architektur, herausgegeben von Dietrich Boschung und Julian Jachmann, 68–92. München: Wilhelm Fink Verlag.
  • Yaneva, Albena. 2005. „Scaling Up and Down: Extraction Trials in Architectural Design“. Social Studies of Science 35 (6): 867–94. https://doi.org/10.1177/0306312705053053.

Dominique Peck

12.10.2020

Modes of Play

Wir, damit meine ich Sie als Studierende als auch das Team von Lehrenden, arbeiten entlang sechs erkenntnistheoretischer Modi der Auseinandersetzung mit dem Urbanen:

  1. Ins Spiel kommen,
  2. sich im Spiel verorten,
  3. die Spielweisen gestalten,
  4. zum Spiel werden,
  5. das Spiel darstellen, und schließlich
  6. den Spielbericht versammeln.

Diese sechs Modi werden ohne Differenzierung zwischen Forschung und Gestaltung im engeren Sinne iterativ wiederholt und im Projekt kontinuierlich weiterentwickelt – sind also quasi ein ergebnisoffener Prozess des Schlussfolgerns. Wie kann das gelingen? Diese Offenheit ist nicht ohne Struktur. Eine so genannte minimale Struktur bieten die Takes, die dazu dienen, theoretische Überlegungen, praktische Fragen und Erfahrungen sowie Reflexionen zu ordnen. Der Take ist eine spezifische didaktische Form, die sich aus Film und Musik ableitet. Im Jazz zum Beispiel ist ein Take die Aufnahme eines Stücks in verschiedenen Versionen mit unterschiedlichen Improvisationen. In Urban Design ermöglicht der Take, verschiedene Aspekte einer Situation zu betrachten, eine Situation aus verschiedenen Perspektiven mit verschiedenen Zusammenstellungen von Theorien und Methoden zu sehen und unter verschiedenen Umständen zu reflektieren. Mittel wie serielle Fragmentierung, Zerlegung und Neuzusammensetzung, Katalogisierung und Indexierung werden eingesetzt, um immanente Potentiale zu beachten und Kontingenz zu berücksichtigen – all das ist für ein realitäts- und kontextbezogenes Verständnis von Lernen und Praxis in Haltung und Verfahrensweisen in Urban Design entscheidend. Uns interessieren gleichermaßen die Repräsentationseffekte, die ein Bild auszulösen sucht, und die Darstellung von Spuren, denen die Möglichkeiten neuer Produktionsweisen (von Bedeutung, von Wissen) eingeschrieben sind.

  1. Ins Spiel kommen

Eine Reihe erster wild oder auf den ersten Blick nur bedingt zusammenkommender Takes ermöglicht den Einstieg ins Feld und damit ins Spiel. Diese Takes werden stets aus einer situierten Perspektive gesammelt – sind also auf den Kontext und seine Produktionsweise zurückführen. Diese Perspektive erfordert zunächst die Begründung in einem relationalen Verständnis von Raum als gesellschaftlich koproduziert. Es braucht weiter die Reflexion darüber, wie eine subjektive „Angelegenheit von Belang“ (Latour 2010) einen Ansatzpunkt für die erste Artikulation eines Motivs sich mit dieser Angelegenheit zu befassen, darstellt. Dabei wollen Sie diese Angelegenheit problematisieren, ohne ihren Vektor durch die Suche nach einer Lösung gleich schließen zu müssen. Es ist kein Problem, wenn das erstmal kompliziert klingt. Tatsächlich ist es das meist ja auch zu Beginn eines Projektes. Sie sollen den Verhältnissen nicht unbedarft gegenübertreten, aber etwas, nennen wir es „Leichtigkeit“ ist anfangs nicht von Nachteil. Das gesammelte Material, die gesammelten Daten, stellen Rohdaten dar, die während des gesamten Prozesses der Ausarbeitung eines Projekts analysiert und neu zusammengestellt werden (können). Zuerst einzeln und dann zusammen betrachtet, wenn alle Schritte (alle ist dabei immer als unvollständig zu verstehen) unternommen worden sind, bildet das Material die Grundlage für die Betrachtung des spezifischen Schwerpunkts, des Anliegens von Belang, unter dem das Projekt weitergeführt wird. Ohne Anspruch auf ein fertiges Produkt oder Ergebnis zu erheben, ist die Arbeit mit einer Reihe von Takes ein erster Schritt, um sich einzubringen sprich ins Spiel zu kommen, sich ins Spiel zu bringen. Am Ende dieser Phase, nach ersten Gesprächen mit Akteuren, dem beobachten erster einschlägiger Handlungen oder dem Erspähen erster augenscheinlicher Besonderheiten vor Ort, sollten Sie in der Lage sein ihr Interesse und Motiv in Form einer Absichtserklärung zu formulieren, sich also zu dem Anliegen verhalten. Haben Sie aber keine allzu großen Sorgen, wenn Ihnen dieser Schritt noch nicht möglich erscheint. Es kommt durchaus vor, dass Sie den Hang für etwas empfinden, ohne etwas damit im reflektierenden Register anfangen zu können. Manchmal würgt das Aufschreiben den Hang ab. Bleiben Sie dran, vertrauen Sie noch ein Stück weit auf sich.

  1. Sich im Spiel verorten

Die zweite Phase beschreibt das was wir uns unter dem Stand der Forschung, der Technik oder der Kunst vorstellen können. Welches Wissen ist bereits wo und in welcher Form vorhanden? Worin besteht die Wissenslücke? Hier ist vor allem Recherchearbeit im Sinne des Durcharbeitens von Publikationen gefragt. Dabei müssen Sie sich bereits ein Stück weit in das noch unscharf abgesteckte Feld (Spiel) Ihres Projektes versetzen und danach fragen wo und wie seine Diskurse funktionieren, was sie produzieren. Gibt es bereits akademische Auseinandersetzungen zu ihrem noch unscharf formulierten Interesse? Was sagen und machen die bestimmenden aber die auch aufkommenden Akteure und Positionen? Wie machen sie das? Meist sind die Perspektiven auf eine Angelegenheit vielgestaltig; d.h. sie sehen aus den jeweiligen Perspektiven und mit den dazugehörigen Werkzeugen gänzlich anders aus. Natürlich bestimmen auch nicht publizierte Positionen ein Feld. Es ist aber eine große Herausforderung in einer noch so frühen Phase Ihres Projektes sich mit Experten des Alltags über die Beschaffenheit des Feldes auszutauschen. Mittels Recherche arbeiten Sie sich ins Spiel, verorten sich in dem Möglichkeitsraum den Sie dadurch für die weitere Bearbeitung aufmachen.
Halten Sie Ihre Recherchearbeiten dabei unbedingt fest. Anfänglich liegen gelassene Dokumentationsleistungen können Sie meist im weiteren Verlauf nicht mehr nachholen. Schreiben, oder kopieren Sie an einem Notizendokument die Ihnen relevant erscheinenden Positionen zusammen, am besten nach einer gegebenen Ordnung wie dem Datum der Veröffentlichung oder einer alphabetischen Sortierung der Autoren. Auf jeden Fall so, dass Sie sich über den gesamten Verlauf Ihrer Bearbeitung daran entlang hanteln können und im besten Fall auch Material dafür daraus ziehen können. Zu diesen Notizen ist es sinnvoll bereits früh im Projekt ein Abstract zu verfassen. Ein Abstract zwingt Sie nicht nur selbst, sich aktiv zur Recherche zu verhalten, sondern ermöglicht es auch weitere Orte, Akteure oder Handlungen auf der Grundlage einer formulierten Position anzusprechen bzw. mit Ihnen in Austausch zu treten. Benennen Sie darin ihr Interesse, die zentralen Begriffe, die Wissenslücke und knapp, insofern Sie es schon wissen und formulieren können, was Sie nun vor haben. Mittels Abstract kann Ihnen ein pragmatischer Gewinn in Richtung Handhabung ihres Projektes in Form der Verflachung – Sie bringen etwas zu Papier – gelingen.

  1. die Spielweisen gestalten

Hier geht es um die Methodologie oder die Verfahrensweisen. Eine Reihe der Takes bietet die minimale Struktur, die notwendig ist, um mit einer offenen Form zu arbeiten. Sie dient eher dazu, Perspektiven und Einblicke, Assoziationen und Akzente zu erzeugen, als Aufgaben zu erfüllen. Die Take ist eine Möglichkeit, Material zu sammeln und mit ihm zu arbeiten, ohne es zu verschließen, d.h. ohne eine bestimmte Interpretation abzuschließen, so dass das gesammelte Material für weitere Perspektiven, Analysen und Interpretationen offen bleibt, die über den vielleicht offensichtlichen situierten Standpunkt hinausgehen. Auf Methoden der Datenerhebung (Wahrnehmung, Beobachtung, Befragung und Interview, etc.) folgen Methoden der Dokumentation und Visualisierung (Skizze, Kartographie, Diagrammatik, Narration) und führen zu Methoden der Datenanalyse und -interpretation (Situationsanalyse, dichte Beschreibung, Essayfilm). Der überlagerte Prozess des Forschungsdesigns oder der Verfahrensweise bestimmt die konkrete Anwendung dieser chronologischen Abfolge des Vorgehens bei einem Forschungsvorhaben. Nach dem ersten Schreiben und der Artikulation eines Motivs (was treibt Sie an, warum sind Sie hier?) formulieren Sie eine Forschungsfrage und zerlegen diese ggf. in verschiedene Aspekte, die der Klärung des Forschungsinteresses dienen. Die ständige Wiederholung und Artikulierung von Motiv, Fragestellung und Interesse in Form der Absichtserklärung, des Abstracts und dem Exposé in iterativen Schleifen während eines Forschungsprozesses lehnt sich an Musiketüden und Filmaufnahmen an. Die Auseinandersetzung mit dem „Wie“ beinhaltet somit die Wiederholung und Spezifizierung des „Was“, während die Explikation des „Was“ umgekehrt in die Klärung des „Wie“ einfließt - die Arten von Daten, die erhoben, dokumentiert, analysiert und interpretiert werden müssen.
Einige Sätze zur Fragestellung: „Gute Fragen führen nicht notwendigerweise zu guter Forschung, aber schlecht konzipierte oder konstruierte Fragen werden wahrscheinlich Probleme schaffen, die sich auf alle nachfolgenden Phasen einer Studie auswirken (Agee 2009, 431).“ Nach anfänglichen und immer vorläufigen Notizen Ihres Motivs oder Interesses werden „projektive Teilnehmer oder Akteure manchmal eingeladen, sich an der Formulierung von Forschungsfragen zu beteiligen, insbesondere in der partizipativen Handlungsforschung. Alle Beteiligten - diejenigen, deren Leben von dem untersuchten Problem (Problematisierung) betroffen sind - sollten in den Untersuchungsprozess einbezogen werden (Stringer 2007, 11).“ Studien, die „reziprok“ (Lawless 2000) oder „kollaborativ“ (Lassiter 2005) sind, bei denen Forscherinnen mit den Beteiligten als Co-Forscher zusammenarbeiten, um Repräsentationen mitzugestalten, entsprechen eher einem Verständnis von der Produktion des Urbanen als solche, die das nicht tun. Achten Sie dabei auf eine zur Reflektion und Kritik notwendige Distanz bzw. die Gestaltung des Verhältnisses von Forscherinnen zu Akteuren im Feld. Arbeiten in den Verhältnissen, wie sie nun einmal im Werden inbegriffen sind, entfalten sich stets als Bewegungen zwischen Affirmation und Kritik.
Vertrauen Sie bei der Operationalisierung – also dem ins Werk setzen ihres Forschungsdesigns – auf Handbücher z.b. der empirischen Sozialforschung oder der Stadtsoziologie.
Hier geht es auch um Arbeitsorganisation. Neben einem textlichen Anteil sollten Sie diese Phase deshalb auch zwingend mit einem Zeitplan bzw. Gantt Diagramm dokumentieren. Bestimmen Sie die Art und Weise der Verwendung Ihrer Daten. Brauchen Sie schriftliche Freigaben? Wie können Sie die Orte, Akteure und Handlungen so über Ihr Projekt informieren, dass diese eine informierte Einwilligung zur Verwendung der prozessproduzierten Daten geben können? Diese Darstellungen und Dokumente verlangen viel von Ihnen. Sie müssen sich wieder zu etwas verhalten, dass Sie nicht vollumfänglich verstanden haben oder in Zukunft verstehen werden. Nichtsdestotrotz: es geht hier ums Üben. Nähern Sie sich dem Spiel an, Schritt für Schritt, Zwischenergebnis um Zwischenergebnis; im offenen Verfahren.

  1. Zum Spiel werden

Eine hinreichende Beschreibung des Spiels, bzw. des Spielens ist ohne ein konkretes Projekt nur bedingt möglich. Es liegt an Ihnen ihr Projekt mit entprechenden Methoden voranzutreiben. Wir springen deshalb hier einen halben Schritt über das Feld wieder in das Studio.
Nach einer Reihe von Takes ist das gesammelte Material nun bereit, zerschnitten, wieder zusammengesetzt und nach oben (kleiner Maßstab) oder unten (kleiner Maßstab) skaliert zu werden. Das Spiel mit Material (d.h. Skizzen, Fotos, Interviews, Beschreibungen), Fragen, Ideen und Assoziationen sowie theoretischen Überlegungen (Grounded Theory und Actor-Network-Ansätze) und eingeübten Erfahrungen (d.h. Wahrnehmungen, Beobachtungen, reflexive Mappings) ermöglicht bzw. eröffnet eine Relationalität und Perspektive, die überstrukturierte oder zu teleologische Übungen nicht aufkommen lassen. In der Tat, während die Übungen als gestraffte Wege zu spezifischen Ergebnissen erscheinen, gibt der Take einen Impuls, erfordert die Aufnahme eines persönlichen Interesses; es ist für Studierende, Akademiker oder Praktiker unmöglich, einen Take ohne ein Motiv zu machen.

Zu diesem Verständnis von Arbeit als Spiel gehört auch die Präsentation der Arbeit mit an die Wand geklebten (verwenden Sie Crepeband) DIN A4-Blättern (die sind günstig, einfach zu bekommen und mit beinahe jedem Drucker kompatibel), um eine Diskussion des Materials in seiner intraskalaren Relationalität zu ermöglichen. Bei der Präsentation handelt es sich nicht so sehr um eine reine Repräsentations- oder Prüfungssituation, in der die Studierenden oder andere ihre Arbeit zeigen und sich dann zurücklehnen; es ist eher das Gegenteil, ein weiterer Anfang, da Studierende und Dozent*innen gemeinsam die Themen und Fragen diskutieren, die sich durch eine diagrammatische (im Zwischenraum der bedruckten Seiten) Lektüre des Rohmaterials und seines Kontexts ergeben, um so alternative Möglichkeiten des Auslesens zu erschließen und aus dem Rohmaterial heraus weitere Perspektiven, neue Fragen und neuartige Beziehungen zu entwickeln.

  1. Das Spiel verstehen = Display

Angesichts des eben erwähnten Umgangs mit Wandpräsentationen werden die Projekte fortwährend an der Wand gezeigt, ohne jedoch Anspruch auf ein endgültiges, abschließendes Produkt zu erheben, das alle während des Forschungsprozesses auftauchenden Fragen beantwortet. Die Darstellung selbst wird zu einem Spielmodus und stellt einen weiteren Schritt im Verlauf des Projektes dar. Die Zugänglichkeit der Daten und des Umgangs mit ihnen spielt eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung des Projektes. Holen Sie sich erneut Motiv, Forschungsfrage und erkenntnistheoretisches Interesse in Erinnerung und verschalten Sie ihr Projekt damit. Die Art und Weise, wie das Display aufgebaut ist - sowohl inhaltlich als auch formal - dient dazu, weitere Möglichkeiten zu eröffnen, die Daten zu lesen, Verbindungen herzustellen und Wissen neu zu sammeln, etwa durch einen Empfang, an dem die Gemeinschaften, an die sich die Forschung richtet, beteiligt werden, oder durch einen Runden Tisch, der alle Forschungsteilnehmer zur Diskussion der Ergebnisse einlädt. Die Forschungstätigkeit wird aktiv als eine Intervention verstanden und damit als eine Art und Weise, Fragen zu stellen, statt etwas zu beweisen oder definitive Ergebnisse zu produzieren. Das heißt nicht, dass Sie einfach so mir nichts dir nichts etwas zeigen. Sie müssen sich klar machen, dass Sie an dieser Stelle ein Stück Welt repräsentieren, das bevölkert ist, das der Alltag zahlreicher Orte, Akteure und Handlungen ist. Was bedeutet das für Sie und die dargestellten Verhältnisse für die Zukunft? Woraufhin haben Sie gearbeitet? Was soll das? Seien Sie präzise! Raus mit der Sprache!

  1. Den Spielbericht erstellen

Sie sind beim Abschluss des Projektes aus Ihrer Sicht angelangt. Gut. Vergewissern Sie sich aller formaler Anforderungen zu Ihrem Ausstieg. Wem müssen Sie was übergeben oder vorlegen? In welchem Format und bis wann? Haben Sie die prozessproduzierten Daten und eventuelle Freigabeerklärungen ordnungsgemäß archiviert? Können Sie die Daten in Monaten oder Jahren wieder besuchen, oder weiter mit ihnen arbeiten? Sie verlassen nun auch das Forschungsfeld und damit Verhältnisse, die Sie während Ihrer Arbeit mitproduziert haben. Welche Beziehungen verändern sich dadurch, wie? Behandeln Sie diese Verhältnisse aktiv und warten Sie nicht darauf, das liegen gelassene Aspekte und Aufgaben des Spiels Sie einholen.

Abschlussbemerkung
Sie können eine Situation nicht erfassen bevor Sie sich mit ihr befassen. Die grundlegende Herausforderung ist die Art der Suche, bei der man nicht weiß, was man sucht, es aber erkennen wird, wenn man es findet.

Not knowing is part of the fun!

  • Agee, Jane. 2009. „Developing qualitative research questions: a reflective process“. International Journal of Qualitative Studies in Education 22 (4): 431–47.
  • Burghardt, Roberta, Dell, Christopher, Bernd Kniess, Dominique Peck, und Anna Richter. 2020. „Building a Proposition for Future Activities. Performing Collaborative Planning in Hamburg, Germany“. In All-Inclusive Engagement in Architecture. Towards the Future of Social Change, herausgegeben von Farhana Ferdous und Bryan Bell, 141–149. London, UK: Routledge.
  • Dell, Christopher, Bernd Kniess, Dominique Peck, und Anna Richter. 2018. „Spatial Agency: From the University of the Neighbourhoods to Building a Proposition for Future Activities or How Urban Design Mobilizes the Performative Plan“. In New Urban Professions: A Journey through Practice and Theory, herausgegeben von Michael Koch, Renée Tribble, Yvonne Siegmund, Amelie Rost, und Yvonne Werner, 193–201. Perspectives in Metropolitan Research. Berlin: Jovis.
  • Dell, Christopher, Bernd Kniess, Dominique Peck, Jules Buchholtz, Kristin Guttenberg, Marius Töpfer, und Rebecca Wall. 2017. „Project Management in Urban Design“. Hamburg Open Online University. https://www.hoou.de/projects/b0ff465e-868d-43dd-9b51-8db898868e9b-1.
  • Kniess, Bernd, Christopher Dell, Dominique Peck, und Anna Richter. 2017. „Disciplined Disturbance“. In Science and the City: Hamburg’s Path into an Academic Built Environment Education, herausgegeben von Walter Pelka und Frauke Kasting. S.l.: Jovis Berlin.
  • Lassiter, Luke Eric. 2005. The Chicago Guide to Collaborative Ethnography. Chicago: University of Chicago Press. https://www.press.uchicago.edu/ucp/books/book/chicago/C/bo3632872.html.
  • Latour, Bruno. 2010. „An Attempt at a ‚Compositionist Manifesto‘“. New Literary History 41 (3): 471–90.
  • Lawless, Elaine J. 2000. „‚Reciprocal‘ Ethnography: No One Said It Was Easy“. Journal of Folklore Research 37 (2/3): 197–205.
  • Richter, Anna, Behne, Marieke, und Kniess, Bernd. 2019. „Urban Types: Methodologie“. Urban Types. Von Häusern und Menschen. https://urban-types.de/de/methodology.